Ungezügelte Wut. Wann haben wir die zum letzten Mal gespürt und vor allem zum letzten Mal rausgelassen? Als Kind, als Teenager? Die meisten Frauen haben genau in dieser Zeit auch gelernt oder gesagt bekommen, dass Wut etwas ist, dem sie besser nicht nachgeben. Als Schülerin, Partnerin, als Mutter, als Berufstätige. Und scheinbar spielt auch das Östrogen, das uns in der Pubertät nicht nur äußerlich verändert, dieses Spiel jahrzehntelang mit. Östrogen wird auch das domestizierende Hormon genannt. Es treibt uns an zu Aufopferung, Zurückhaltung, Hilfsbereitschaft, Zufriedenheit. 

Und dann ist es plötzlich vorbei damit, denn ab dem 40. Lebensjahr sinkt der Progesteronspiegel, und ausgerechnet dieses Gelbkörperhormon ist für eine stabile Stimmungslage verantwortlich. Durch den Hormonabfall kann es zu depressiven Verstimmungen, Ängsten, Selbstzweifeln oder Aggressionen kommen. Wir schlafen abends nicht mehr gut ein, wachen immer wieder auf, liegen wach, denken nach – über unser Leben, unsere Beziehungen, über das, was fehlt und was vielleicht nie mehr kommen wird. 

 

Wer leidet und wer nicht, sei schwer vorherzusagen, meint Dr. Katrin Schaudig, Gynäkologin und Hormonspezialistin in Hamburg. Wahrscheinlich spiele ein erblicher Faktor mit. Wessen Mutter stark unter dem Klimakterium gelitten habe, der besitze ein erhöhtes Risiko. Aber auch Frauen, die mit PMS zu kämpfen hatten oder nach Schwangerschaften mit dem Babyblues, scheinen anfälliger für psychische Instabilität in den Wechseljahren. 

Plötzlich fragt man sich, warum man klaglos allen geholfen hat, die einen umgeben: dem Mann, den Kindern, dem Elternverein, der stets überforderten Nachbarin, den alternden Eltern, der eigentlich unverschämten Kollegin. Man entdeckt, dass einem niemand eine Medaille umhängt für die geleistete Arbeit der sogenannten Erziehungs- und Pflegejahre. Die Wut, die einen dann während der Wechseljahre erfassen kann, ist keine einfache Stimmungsschwankung. Sie kann das gesamte Leben in Frage stellen, einen aber auch dazu bringen über ungelebtes Leben intensiver nachzudenken, Mut zu fassen, Veränderungen anzustoßen. 

Woher aber kommt diese Wut abgesehen vom Hormonabfall? Bücher darüber sind kaum zu finden, die Wechseljahre werden von der Psychoanalyse bisher vernachlässigt. Kritiker sagen, das liege nach wie vor an dem phallozentrischen Blick Freuds, der in seinen Vorlesungen über die Weiblichkeit Frauen nach den Wechseljahren wie folgt beschrieb: „Es ist bekannt, dass die Frauen, nachdem sie ihre Genitalfunktion aufgegeben haben, ihren Charakter in eigentümlicher Weise verändern. Sie werden zänkisch, quälerisch, rechthaberisch, kleinlich und geizig.“ 

Ein antiquiertes Bild, ein unverschämtes Bild oder am Ende eines, das Frauen in der Menopause immer noch von sich selbst malen? Hier ein paar Auszüge aus Interviews über die mentale Last der „Jahre dazwischen” wie sie eine nennt. „Ich könnte einmal täglich jemanden ermorden.” – „Ich glaube mein Verstand verlässt mich ein paar Mal täglich und dann sehe ich nur noch rot.” –  „Ich habe gestern morgen einen Teller an die Wand geworfen, einfach so, früher hätte ich den Gedanken daran schon mit den Überlegungen, was ich danach aufkehren muss, verscheucht. Immer dieses Vorausdenken, was wäre wenn, das fehlt mir plötzlich völlig. Manchmal ist das richtig befreiend.” 

Zur Wut kommt aber auch die Traurigkeit, die einen wie eine Welle überrollen und verschlucken kann. „Die Welt in der ich plötzlich lebe, scheint mir nicht mehr wirklich zu sein”, sagte eine Freundin. „Ich bin so anders, ich sehe traurig aus, ich hasse meinen Körper, weil er mir so deutlich zeigt in so kurzer Zeit, dass ich sterben werde.” Dieses „Das bin doch nicht mehr Ich” ist es, was den meisten zu schaffen macht. Und auch der Verlust der Gebärfähigkeit, sogar wenn man bewusst nie Kinder haben wollte. Wir erfahren eine Begrenzung, die der Körper uns vorgibt, die Männer so nicht kennen. 

Und wir kämpfen mit dem, was die Unsichtbarkeit genannt wird. Wir werden nicht mehr wahrgenommen von den Männern, der Außenwelt. Nicht so wie früher. „Der Raum teilt sich nicht mehr, wenn ich eintrete”, sagt eine, die immer noch schön ist, sich aber selbst als „plötzlich nicht mehr fuckable” bezeichnet.  Dass dies an den nach wie vor existierenden alten patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft liegt, tröstet sie nicht. „Ich wollte immer gesehen werden, das ist vorbei. Was mir bleibt ist ein unlustiges beigefarbenes Leben.” 

Andere dagegen entdecken, dass sie endlich wirklich sich selbst sehen, wenn der Blick von außen nicht mehr so häufig stattfindet und damit auch das ständige Beurteilt-, Einsortiertwerden aufhört.  Und das ist das Gute am fehlenden Östrogen, diesem Weichspüler unserer Erwachsenjahre. Verschwindet es, tauchen Eigenwilligkeit, die Fähigkeit „Nein” zu sagen, Egoismus, Schonungslosigkeit anderen gegenüber auf und schenken uns eine neue Freiheit, machen uns unabhängig von der Meinung anderer. „Big Mouth” ist eine Cartoon-Serie auf Netflix, in der die Hauptfigur Barb schockiert auf die Zeichen ihrer Menopause reagiert, bis eine Hexe ihr erklärt: „Das nächste Kapitel Deines Lebens kann allein von Dir gelebt werden, alles andere kann Dir jetzt scheißegal sein.” In anderen Worten: In der Menopause erkennt man plötzlich, dass man sich mit all den Energiefressern nicht mehr abzugeben braucht, die man jahrzehntelang toleriert hat. 

 

Im nächsten Beitrag geht es um Orca-Omis, die Großmütter-Hypothese und warum es sinnvoll ist, seine Eierstöcke um 40 Jahre zu überleben.