Wie kann man vorsorgen, wenn die Eltern älter werden? Wie sollte man mit den Eltern darüber sprechen und welche Beratungsstellen gibt es?

Tausche Konzernkarriere gegen – Elternpflege” twitterte die Topmanagerin  Vera Schneevoigt, 58, vor drei Jahren und sorgte damit auf Social Media für Aufsehen. Ihre internationale Karriere nach 38 Jahren zu kündigen, um sich um Eltern und Schwiegereltern zu kümmern, das verstanden viele nicht, andere feierten sie dafür. Vera Schneevoigt hatte sich schon sieben Jahre zuvor gemeinsam mit ihren Eltern, ihrem Mann und ihren Schwiegereltern überlegt, wie man Wünsche, Vorstellungen, aber auch die Möglichkeiten zusammenführt, um ein machbares Modell für alle Beteiligten zu finden. Dabei kam heraus, dass Eltern und Schwiegereltern am liebsten zu Hause alt werden wollen und bei Bedarf mit 24 Stunden Pflegekraft. „Wir wollten unseren Eltern helfen, möglichst selbstbestimmt alt zu werden”, sagt sie. Sie zog mit ihrem Mann von Bayern in die Eifel, seitdem unterstützt sie ihre Eltern beim Einkaufen, im Haushalt, kümmert sich um Behördenkram und Arztbesuche, baute das Haus der Eltern barrierefrei um. Ein Modell, das vielleicht in den meisten Fällen schon daran scheitert, dass nicht jeder seinen Job und seinen Wohnort für seine Eltern aufgeben mag oder kann, aber auch bei Vera Schneevoigt war die größte Herausforderung neben diesem kompletten eigenen Lebenswechsel, dass Eltern und Schiegereltern die heraufziehende Hilfsbedürftigkeit nicht wahrhaben wollen. „Es fällt ihnen sehr schwer, ihre zunehmende Schwäche zu akzeptieren, um Hilfe zu bitten und Unterstützung anzunehmen.” 

 

Was hätten Deine Eltern regeln sollen, bevor sie in diese Situation gekommen sind, bzw. was haben sie geregelt, hatten wir Euch gefragt. Dabei kam heraus, dass es mehrfach Eltern gab, die einfach absolut nichts geregelt haben, bzw. besprechen wollten, andere wiederum hatten sich schon um Testament, Generalvollmacht, Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht gekümmert, eine Übersicht aller laufenden Verträge mit Kundennummer erstellt, Haus und Keller leergeräumt und sich vorläufig in einem Altenpflegeheim angemeldet. Ein irgendwie dazwischen innerhalb dieses „Kopf in den Sand stecken” und optimal vorbereitet sein ist dagegen häufig anzutreffen. Da gibt es dann zwar eine Patientenverfügung, aber gleichzeitig wollen die Eltern zum Beispiel auf gar keinen Fall ihr Haus verlassen und gehen davon aus, dass die Kinder sich dann schon kümmern und ihr Leben danach ausrichten werden, wenn es soweit ist.

„Am Ende geht es ja immer darum, wer ist da, wer kümmert sich, wer pflegt und das wünschen sich die meisten von ihren Kindern oder Angehörigen”, sagt Katja Werheid, Professorin für Klinische Neuropsychologie und Psychotherapie an der Universität Bielefeld und Expertin für Psychotherapie mit älteren Menschen. „Aber viele können es nicht, weil sie nicht dieses enge Verhältnis zu den Eltern haben, weil körperliche Pflege ihnen zu nahe ist, sie nicht mit Körperflüssigkeiten etc. zu tun haben wollen. “Das muss man vorher klären, sonst kommen irrationale Erwartungen, man soll plötzlich die treusorgende Tochter sein.” 

In Millionen Familien wird Hilfe von außen lange abgelehnt – bis zu dem Zeitpunkt, an dem Angehörige verzweifeln und ein Pflegedienst oder ein Heimplatz schwierig zu organisieren sind. Martina Huwald, 59, schildert in einem Beitrag zu diesem Thema im Magazin stern, wie sie sich zusammen mit ihrer Mutter um den demenzkranken Vater kümmerte. Sie wachten abwechselnd an seinem Bett, auch nachts, wenn er von Albträumen zerfressen umherirrte und schrie. „Es gab Nächte, da habe ich nur geweint. Da habe ich gedacht, mein Vater ist nicht mehr da. Aber er ist ja doch da. Er ist ein Mensch, er hat Angst und ich möchte ihm helfen. Ich habe in diesen Nächten oft das Sorgentelefon angerufen, um mir Hilfe zu holen. Wenn mir das vorher jemand erzählt hätte, dann hätte ich es nicht geglaubt. Ich hätte gesagt: Naja, man kann sich ja Hilfe holen. Aber diese Demenz ist wie ein Tsunami über uns gerollt.”  Sie hat 80 Einrichtungen abtelefoniert. Viele waren empört, dass sie nach einem Platz fragte. „Was denken Sie sich? Jetzt ist doch High Season. Alle fahren in den Urlaub und geben vorher ihre Demenzkranken bei uns ab. Nein, wir haben keinen Platz! Rufen Sie in einigen Monaten nochmal an.“

 

„Die alten Rollenmuster sind oft: Der Vater hat immer bestimmt. Deshalb sagen Kinder häufig auch später noch, wenn der Vater älter und schwächer ist: Der Vater will das so,” sagt Bettina Lakomiec, Sozial- und Pflegebetreuerin am Pflegestützpunkt Landkreis Oldenburg. „Aber da muss es einen Rollentausch geben, Kinder müssen Entscheidungen treffen.” Am besten sei es, gemeinsam zu einer neutralen fachlichen Beratung wie zum Beispiel einem Pflegestützpunkt zu gehen, die alles richtig erklärt. Und vor allem sei wichtig, dass man sich präventiv informiere und beraten lasse. „Wenn man das nicht tut, wird die Pflege- und Wohnsituation irgendwann vielleicht eskalieren. Dann kommt es zu Treppenstürzen, Knochenbrüchen, die nicht mehr heilen und plötzlich ist das Pflegeheim der einzige Ausweg.” Die Wahrheit sei aber auch, dass es nicht immer die Eltern seien, die ein Gespräch ablehnen, weil sie glauben, ihnen würden ihre Kompetenzen abgesprochen. „Oft wehren sich die Kinder, das Thema Pflege anzusprechen: Sie denken, wenn man nicht darüber spricht, passiert auch nichts.”

Manchmal aber löst auch der Tod einer Freundin, eines Freundes bei den Eltern aus, dass sie plötzlich über die letzten Dinge des Lebens sprechen wollen. Bei meinen Eltern, die das Thema Nicht-mehr-Können erfolgreich bisher verdrängen, war dies der Punkt, an dem ich einhaken konnte. Es begann damit, welche Blumen sie auf dem Grab schön finden würden, bis hin zu dem erstmal geäußerten Wunsch meines Vaters, dass er, sollte meine Mutter vor ihm sterben, in ein bestimmtes Heim möchte, in dem auch alte Freunde von ihm schon leben. Das mag nicht viel sein, aber es war ein erster Schritt, um ebenfalls die schon 10 Jahre alte Patientenverfügung raus zu kramen und zu schauen, ob sie überhaupt noch aktuell ist, angesichts der neuesten medizinischen Standards. Altwerden bedeutet für meine Eltern, dass sie loslassen müssen. Sie haben ihr letztes Auto vor ein paar Jahren gekauft, sie werden im nächsten Jahr ihre letzte Reise nach Langeoog machen. Damit umzugehen ist für sie schwer, auch für uns Kinder. Darüber zu sprechen ist gleich nochmal schwerer für sie, sie sind die Kriegsgeneration, die nicht viel reden wollte, aber sie haben zumindest angefangen zu begreifen, dass man manche Probleme lösen kann, bevor sie letztendlich auftreten.

Hilfen, die man beantragen kann, die aber häufig nicht abgerufen werden:

Wichtige Hilfsangebote im Bereich der Pflege verfallen häufig, weil sie aus Unwissenheit nicht abgerufen werden, zum Beispiel die monatlich 125 Euro für die Unterstützung im Haushalt. Für die Inanspruchnahme muss nachgewiesen werden, dass anerkannte Dienstleister im Haushalt helfen. >> mehr erfahren

Nicht häufig in Anspruch genommen werden auch Leistungen, wenn Pflegende einmal ausfallen und vertreten werden könnten: In 70 Prozent der Fälle nutzen Pflegebedürftige und Pflegende diese Möglichkeit der sogenannten Verhinderungspflege nicht. Hier werden Ansprüche von 3,4 Milliarden Euro nicht wahrgenommen. Weitere 4,6 Milliarden verfallen, da die stationäre Kurzzeitpflege, die Angehörigen bei Krankheit oder zur Erholung eine Auszeit ermöglicht, ebenfalls nicht abgerufen werden. 

Literatur:

Katja Werheid: Nicht mehr wie immer: Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können. Piper Verlag