Fangen wir mal mit dem Schlechten an, was den Ausblick auf unsere Zukunft als Menopausierende angeht: bestimmte Tierheime würden uns keinen Hund mehr mit nach Hause geben, weil wir nach ihren Richtlinien zu alt sind, um dem Tier noch eine lange Zukunft in Liebe zu garantieren. Eine Zukunft im Zwinger scheint den Verantwortlichen für den Hund da immer noch rosiger, als mit einer Frau in einem Haus mit Garten zu leben und ihr beim Altern zuzuschauen.

Wer werden wir aber wirklich sein, sagen wir mal zehn Jahre nach dem Beginn unserer Menopause? Wir lieben immer noch unsere Kinder, vielleicht lieben wir einen anderen Mann, einen, der uns nicht davon abhält, wir selbst zu sein. Wir haben uns von vielen Dingen aus unserer Vergangenheit verabschiedet, die wie überflüssige Fusseln an uns hingen. Wollen nicht mehr in Elternbeiräten sitzen, Flohmärkte organisieren, die Party besuchen, auf der wir uns garantiert langweilen werden. Wir haben gelernt, dass jedes Ja, das wir zu ungeliebten Dingen sagen, auch ein Nein gegen uns selbst bedeutet. Wir vermissen verpasste Gelegenheiten nicht mehr, fürchten weder den Ärger der anderen über uns, noch wie eine Verrückte wahrgenommen zu werden: Eine Frau, die keine Angst davor hat, wie eine Idiotin auszusehen, hat in ihrem Leben definitiv mehr Möglichkeiten ausgelassen zu tanzen. 

Geschirrregal mit Schalen und Untertassen

Unser Körper welkt, keine Frage, was uns dazu gezwungen hat, anders über seine Gesundheit nachzudenken und ihn mit mehr Wohlwollen zu behandeln. Wir wissen, dass vieles im Leben nicht mehr nachzuholen ist. Ich werde keine Deutsche Meisterin über 100 Meter mehr werden, bin aber nun eine, die mit mehr Akzeptanz und Gelassenheit über Ziellinien läuft. Wir haben unser Leben vielleicht einmal in seine Einzelteile zerschlagen, sie wieder neu zusammengesetzt und natürlich bleibt da auch Trauer und manchmal Nostalgie zurück. Wir haben endgültig das Mädchen hinter uns gelassen, das sehr lange das Gefühl hatte, das Leben sei ein Spiel, das immer zu seinen Gunsten ausgeht.

Wir blicken auf all die Jahre der Menopause zurück, als seien sie ein einziges großes Atemholen gewesen vor dem, was jetzt beginnt, nämlich eine ruhige und stabile Phase von 10, 15 oder auch mal 20 Jahren, bevor die eigentlichen Alterserscheinungen beginnen. Es ist eine Phase, in der wir uns vielleicht beruflich neu orientieren, uns gegen den jungen Schnösel am Konferenztisch souverän durchsetzen. Östrogen spült uns nicht mehr weich, wir werden klarer in unseren Wünschen und Ansprüchen.  

Ein Vordenker der Wissenschaft von der Lebensmitte war der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung. In der ersten Hälfte des Lebens, so glaubte der Schweizer, müsse jeder auf der irdischen Bühne eine Rolle finden – eine „Persona“ erschaffen, eine Maske, hinter der er sich vor der Umwelt verbirgt.  Aber dann folge, so Jung, ein „Mittagsumsturz“, an dem die Sonne gleichsam ihre Strahlen einziehe, um sich selbst zu erleuchten. Denn nach dem Zenit des Lebens verblasse die Bedeutung der Außenwelt – und der Mensch wende sich der eigenen Persönlichkeit zu, den eigenen Neigungen und Gefühlen, Schwächen und Versäumnissen. Ich finde dieses Bild sehr schön, dieses Leuchten aus sich selbst heraus. 

Es ist aber nicht schönzureden, dass die Menopause für viele Frauen ein brutal einschneidendes Erlebnis in ihrem Leben ist, aber manches was einem in dieser Zeit begegnet, kann auch ein Geschenk sein. Ich schlafe nicht mehr besonders lange. Bin gegen sechs Uhr wach und gehe mit dem Hund raus in eine Welt, die ich jahrzehntelang kaum kannte, die Welt, wenn sie aufwacht. Das erste Licht, das sich auf die Bäume und Wiesen legt, die Vögel, die lauter singen als zu keinem anderen Zeitpunkt am Tag, die Hasen, die auf dem Weg sitzen und ihre Ohren in den Wind drehen, das alles hätte ich verpasst, wenn mich die Schlaflosigkeit nicht aus dem Bett werfen würde. 

In der bezaubernden und preisgekrönten britischen Serie „Fleabag” über eine junge Frau, die mit Affären versucht, sich von ihren Gefühlen abzulenken, gibt es eine Szene in einer Bar. Kristin Scott Thomas spielt eine ältere Frau, die mit einem Martini in der Hand der jüngeren Fleabag gegenüber erklärt, dass die Menopause das verdammt beste Ding der Welt ist. „Ja, dein Beckenboden zerbröselt und Dir wird entsetzlich heiß und niemand schert sich darum. Aber dann – bist Du frei! Nicht länger eine Sklavin, nicht länger eine Maschine, die aus Einzelteilen besteht. Du bist einzig und allein ein Mensch.”

Als Fleabag antwortet, sie habe gehört, dass die Wechseljahre schrecklich seien, antwortet ihr Scott Thomas: „Es ist schrecklich, aber dann ist es großartig. Etwas, auf das man sich freuen kann. ”