Man lernt ja nie aus. Frau auch nicht.
Bisher waren für mich Schamlippen ein Begriff, mit dem ich nichts Negatives, sondern etwas sehr Schönes verbunden habe. Das gleiche gilt für das Schambein. Wenn ich beim Gynäkologen bin, sind das genau die Begriffe, die ich verwende. Seit neuestem rede ich dort von meiner Vulva statt von meiner Scheide. Das musste ich erst einmal üben. Denn als ich von der Vulva sprach, hakte er nach und fragte: “Sie meinen jetzt aber schon die Schleimhaut, nicht die äußeren Schamlippen, oder?” 

Aber mir ist auch bewusst, dass der Begriff im Begreifen entsteht und dass wir durchaus unsere Sprache noch einmal kritisch hinterfragen sollten. Ich habe mit meiner Tochter und meinem Sohn noch von Scheide und Pimmel gesprochen, aber eben auch von Schamlippen, ohne dabei an Scham zu denken. Aber bei Kindern ist das anders.

Als mein Sohn drei Jahre alt war, da machte er irgendetwas etwas, was er nicht sollte. Und ich sagte ihm: “Otto, das macht man nicht.”. Daraufhin überlegte er einen Moment und fragte mich dann: “Und Frauen?”. Puh, da wurde mir bewusst, wie sehr Sprache prägen kann. 

Angeregt durch einige Kommentare und Direktnachrichten auf Instagram, die ich aufgrund des vorangegangenen Posts über den weiblichen Unterleib erhalten hatte, habe ich mich erst einmal eingelesen. 

Vom Fachverlag Thieme gibt es in der deutschen Medizinischen Wochenschrift einen Artikel zu genau der Fragestellung: “Das Schambein und die Scham”° …”Wir fragen in diesem Artikel, ob der Bezug zur Scham, der damit einhergeht, noch zeitgemäß ist, und schlagen eine alternative Benennung vor.”

Das steht u.a. “Es gibt seit kurzem Bemühungen, lateinische Begriffe, die sich von pudere ableiten, aus der international vereinbarten anatomischen Terminologie zu verbannen, da sie die einzigen anatomischen Begriffe sind, die tatsächlich eine moralische Wertung in sich tragen.”

“Es gibt mehrere deutsche Bezeichnungen anatomischer Strukturen, die mit dem Wort Scham gebildet werden. Diese beziehen sich fast alle auf das weibliche äußere Genitale, das in seiner Gesamtheit Pudendum femininum oder Vulva heißt bzw. auf Deutsch „die weibliche Scham“. Das lateinische pudendum leitet sich vom Verb pudere (sich schämen) ab, das im klassischen Latein eindeutig mit Scham, aber auch mit Schimpf und Schande verbunden war.” 

Weiter heißt es “Während das Englische kein „shame bone“ kennt (sondern nur den pubic bone), verwenden andere germanische Sprachen denselben Begriff wie das Deutsche: schaambeen im Niederländischen, skamben im Dänischen und Norwegischen. Allerdings ist dieser Begriff in Norwegen bereits 1919 (!) in einem Anatomie-Lehrbuch als „unschön“ bezeichnet und durch underlivsben (Unterleibsbein) ersetzt worden [5], was sich in der norwegischen Medizin weitgehend durchgesetzt hat. Das Danske Ordbog, eine Art dänischer Duden, gibt immerhin an, dass viele den Begriff kønsben (Geschlechtsbein) dem skamben vorziehen.”

Und so habe ich die Illustration noch einmal angepasst. Aus Schambein wurde Schoßbein und aus Schamlippen wurden Vulvalippen. Auch habe ich versucht, die Klitoris in ihrer vollen Größe nachzubauen, obwohl es sich hier eigentlich um einen Schnitt durch die Körperhälfte handelt und dies keine in 2D gepresste 3D Abbildung ist.

Ich werde es hier und auf Instagram nie allen Recht machen können (und wollen). Ich erkenne aber an, dass wir alle offen sein sollten, dazuzulernen. Was mich persönlich gestört hat, war das Mit-dem-Fingerdraufzeigen, was nicht gefällt, statt erst einmal anzuerkennen, dass diese Abbildung des weiblichen Unterleibes schon vollständiger war als die meisten Abbildungen, die frau und man im Web und auf Instagram finden kann. Google mal “weiblicher Unterleib“, gehe auf “Bilder” und zähle die Abbildungen, die überhaupt auch die Klitoris, in welcher Form auch immer, zeigen. Dafür reicht eine Hand, wenn überhaupt. 

der weibliche Unterleib mit Scham in den Begriffen
die ursprüngliche Abbildung

Ich als Urologin finde beide Bilder richtig toll! In beiden Bildern finden wir alles, was wir als Frauen haben und egal ob deutsch, umgangssprachlich oder medizinische Begriffe……… wir finden uns doch in jedem Bild zurecht……👏💪🤗
Und wer fachliche Fragen hat, kann mich jederzeit ansprechen 🤩 

schreibt Urologin Dr. Nicole Weirich.

°) Winkelmann A et al. Das Schambein und… Dtsch Med Wochenschr 2022; 147: 1608–1610 | © 2022. Thieme.

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