Vor 10 Jahren bin ich mit Mann und Hund und Pferd in die Bretagne ausgewandert. Ich habe meine Karriere und vieles, was mir irgendwann mal wichtig erschien, eigentlich mein gesamtes turbulentes altes Leben gegen ein neues, selbständiges Leben am schönsten Ende der Welt und für die Einsamkeit am wilden Atlantik eingetauscht. Vermisse ich mein altes Ich? Non, je ne regrette rien!!

-Autorin: Inga Scholz

Ich gewann ein Buch bei nobodytoldme, ich stellte mir eine klassische Geschichte vor: Eine Frau aus der reichen Vorstadt ohne nennenswertes eigenes Einkommen trennt sich von ihrem Mann, kauft eine hübsche Jugendstil-Villa in einem problematischen Viertel, renoviert das heruntergekommene Haus und beginnt ein neues Leben. Gut, über die Trennung von ihrem Mann verliert sie den Kontakt zu ihrer Teenager-Tochter, die die Aktivitäten ihrer Mutter so gar nicht gutheißen will, dennoch könnte diese Geschichte doch zu einem (vorhersehbaren) Happy-End führen, in der die Protagonistin aus ihrer alten Welt aussteigt und irgendein Produkt in Handarbeit herstellt, das sie fortan erfolgreich auf den Märkten der Region verkauft. Ein bißchen Wechseljahre-Emotion, ein paar Hitzewallungen, aber nach der letzten Periode löst sich alles in Wohlgefallen auf und ihre Tochter übernimmt die Marketingleitung in der neugegründeten Online-Manufaktur. Oder so ähnlich. Ende der Geschichte. Eine schnelle Rezension.

So wird’s wohl kommen, denke ich, weit gefehlt.

Und so wird aus einer einfachen, vermeintlich vorhersehbaren Story ein unberechenbarer Roman: Sam, unsere Protagonistin, befindet sich in den Wechseljahren und erlebt, was man in dieser Zeit so erleben kann. Aber die Autorin beschreibt das Erleben, das gefühlte Elend, in echt und Schwarz auf Weiß, irgendwie schonungslos: Unprätentiös, leider völlig ohne Rücksicht auf die wechseljährige Leserin, damit irgendwie mitleidlos, erschütternd, auch kränkend: Mit einem mal bin ich selbst Sam und furchtbar wütend auf mich und das, was ich tue, was ich wie bewerte, was ich getan habe und was ich nicht tue und nicht getan habe. Einmal schafft es Sam, mich so zu treffen, dass mir ihr Verhalten körperlich weh tut: Ich raufe mir die Haare, weil ich mich für die Protagonistin so gräßlich schäme. Die Autorin beschreibt nicht nur die körperlichen Auswirkungen der Wechseljahre (was langweilig wäre, weil bekannt), sondern wir begleiten Sam auf ihrer seelisch-geistigen Reise (Veränderung/ Verirrung/ Verwirrung) in ihrer Lebensmitte und es ist eben nicht so einfach.

Der alternde (oh Gott, dieses Wort schon allein!) Körper, wechseljährige emotionale Zustände und die daraus folgenden (irrationalen) Handlungen – Körper und Geist wird einem im Spiegel vorgehalten. Und dann muss man (als Leserin im Buch und dann auch noch im echten Leben) gleichzeitig das sich verändernde Umfeld ertragen: Der Freundeskreis ändert sich, dabei wird es im Buch politisch (Trump ist gerade gewählt und das bringt das demokratische Vorzeige-Amerika in Nöte), ein Mord geschieht (black-lives-matter erhält einen rudimentären Auftritt), Klimawandel und Generationenkonflikt kommen auch vor, es wird auch mal gegendert und alles ist (übrigens furchtbar) politisch korrekt. Man fragt sich zwischendurch: Musste das jetzt auch noch sein und wundert sich, ob man Sam meint oder die Autorin Spiotta. Ich fand den Rundumschlag der aktuellen thematischen Agenda in Teilen des Buches ein bisschen too much und wenn Sam unberechenbar ist, wie der Titel es verspricht, hätte ich mir gewünscht, wenn sie auch in der aufgezeigten politischen Gemengelage etwas weniger erratisch und unvorhersehbar agiert hätte. Aber Sam (oder die Autorin?) ist eben unberechenbar und macht nicht so, wie ich es mir wünsche. Und oft hält Sam (oder die Autorin) einfach den Mund, auch wenn man denkt, nun müsste sie aber unbedingt mal was dazu sagen.

Ich mochte vieles an dem Buch, habe mich oft beschrieben und manchmal merkwürdig „ertappt“ gefühlt, zwischendurch war ich wirklich wütend (auf die Protagonistin und auf die Autorin) und dann mal wieder gerührt. Und ich war auch traurig mit Sam, die noch nicht wahrhaben will, dass die eigene Mutter bald nicht mehr sein wird (auch das ist eine Wahrheit der Lebensmitte, der man ja nur ungern ins Auge sieht).

Mein Mann beobachtete mich übrigens beim Lesen und mit dem ihm eigenen Charme teilte er mir das Ergebnis seiner unerlaubten Beschattung sogleich mit: Ich sei beim Lesen sichtlich gealtert (Er hat es wirklich so gesagt …und dabei war er früher doch so ein netter Kerl!)! Herrje: Geraufte Haare und tiefe Stirnfalten, die die volle Bandbreite meines gelesenen Erlebens offensichtlich machten: Wut, Frust, Erstaunen, Unglauben, Trauer, Langeweile, Spannung, Rührung, Verständnis und totales Unverständnis. Vielleicht sah ich am Ende des Buches deshalb so mitgenommen aus, weil Sam mich eben mitgenommen hat in ihr Leben, in diese mid-age Lebensbeichte, in diesen Bericht über eine Frau im gleichen Alter (und im gleichen Zustand) wie ich.

Ich will nicht sagen, dass ich das Buch uneingeschränkt empfehle: Es hat schon Längen (manche Erzählstränge ziehen sich über mehrere Kapitel, bis sich die Story tatsächlich vollends verständlich darstellt) und wem das politisch-korrekte „Prenzelberg“-Klischee auf die Nerven geht, der wird zwischendurch schon mal seine Not haben. Unberechenbar kommt auch nicht auf meine persönliche Liste der All-time-best, denn ich fand das Buch zwischendurch anstrengend blöd. Aber ich habe das Buch zu Ende gelesen, ich war in großen Teilen empathisch und ich war echt angefasst – in verschiedener Hinsicht. Und das ist doch mehr als andere Bücher erreichen. Vielleicht urteilt doch am Besten jede/r selbst, wieviel Berechenbarkeit in Unberechenbar steckt und wieviel von jedem man ertragen will. Lesenswert ist das Buch in jedem Fall!

 

Inga

Finistere, März 2023

Rezension „Unberechenbar“ von Dana Spiotta- Kathrin Irmer

Was passiert, wenn das Klimakterium nicht nur die körperlichen Befindlichkeiten verändert, sondern auch den Geist aufweckt? In Dana Spiotta`s Roman erkennt die Protagonistin, dass sie die letzten Jahre in einer Blase von Familien- und Vorstadtidyll gelebt hat und aufgrund eines inneren Drangs verlässt sie diese von einem Tag auf den anderen, ohne auf die Folgen zu achten. In ihrem neuen, selbstbestimmten Leben erlebt sie die Verwerfungen der Gesellschaft direkt, kämpft mit den eigenen Dämonen und  den körperlichen Veränderungen in der Menopause. Spiotta kleidet das in klare, ungeschönte Worte. Ein intelligenter und nachdenklich machender Roman, der einen mit voller Wucht erreicht. Nichts für Freunde der seichten Literatur, aber durchweg empfehlenswert! – Kathrin Irmer