Eine Woche an der Cleveland Clinic in Ohio
Es gibt Reisen, die man sich nicht aussucht. Diese hier war so eine. Mein Mann und ich sind vergangene Woche recht spontan in die USA geflogen – nach Cleveland, Ohio. Ein enger Freund hat sich dort einer Herzoperation unterzogen. Und wir wollten unterstützen, nachdem ein Familienangehöriger abgereist war.
Was folgte, war eine der eindrücklichsten Wochen, die ich in den letzten Jahren erlebt habe. Medizinisch. Menschlich. Und kulinarisch – auf eine Art, die ich so nicht erwartet hatte.
Hochleistungsmedizin auf Weltniveau
Die Cleveland Clinic zählt zu den besten Herzzentren der Welt, davon hatte ich vor dem Flugerfahren. Wenn man dann selbst durch diese Flure läuft, neben dem Bett eines Freundes sitzt und miterlebt, wie das System funktioniert, dann wird man schon recht ehrfürchtig.
Das Niveau ist beeindruckend. Die Abläufe auf der Intensivstation, die Betreuung, die Präzision. Man fühlt sich danaben tatsächlich wie eine Statistin in einer amerikanischen Arztserie – Grey’s Anatomy, ER oder The Good Doctor. Nur dass es eben wirklich passiert. Ganz ohne Drehbuch, ganz ohne Second Take.
Das andere Bild: Starbucks und 30 Gramm Zucker
Und dann ist da die andere Seite. Die, die man in keiner Hochglanzbroschüre über amerikanische Spitzenmedizin sieht.
Mitten in der Klinik: ein Starbucks (daneben Panera Bread – eine Fast Food Kette). Drumherum: Menschen mit karamellisierten Kaffeespezialitäten in der Hand, mit bunten Sommerdrinks, die locker 30 Gramm Zucker enthalten. Und überall, wirklich überall: sehr, sehr übergewichtige Menschen. Patienten, Besucher und Personal.
Ich steh da und denke: Hier wird auf der einen Seite mit höchstem Aufwand ein Herz repariert und ein paar Meter weiter verkauft dieselbe Klinik den nächsten Risikofaktor in einem großen Becher mit Schlagsahne obendrauf. Nicht, dass ich nicht auch mal gerne was Süßes esse und genieße.
Das soll nicht wie ein Urteil rüberkommen. Es ist ein Bild. Ein sehr amerikanisches Bild.
Ein kaputtes System: Wenn Fast Food billiger ist als Gemüse
Was ich diese Woche gesehen habe, ist kein Zufall. Es ist Ergebnis eines Lebensmittelsystems, das ich nur als zutiefst dysfunktional beschreiben kann.
In den USA (und auch bei uns) bekommt man ein Fast-Food-Menü – Burger, Pommes, Softdrink – für wenige Dollar (bzw. Euro). Überall. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Steak, Chips, zuckerhaltige Erfrischungsgetränke in Familienpackungen: günstig, verfügbar, heftig im Fernsehen und auch sonst beworben. Ein frischer Salat, eine Portion Bohnen, eine gesunde Mahlzeit ohne Fertigzutaten? Oft schwerer zu finden, teurer und sozial längst nicht so selbstverständlich.
Die Lebensmittelindustrie in den USA hat über Jahrzehnte ein System mitgeprägt, in dem hochverarbeitete, zuckerreiche, fettreiche Produkte subventioniert, beworben und normalisiert wurden. Der Mais für Corn Syrup wird staatlich gefördert. Das Fastfood-Franchise an jeder Ecke hat ein Marketing-Budget, von dem lokale Gemüsehändler nur träumen können. Und die Menschen, die sich „gesundes Essen“ leisten könnten – finanziell wie zeitlich – sind oft dieselben, die ohnehin Zugang zu besserer Gesundheitsversorgung haben.
Das Paradox, das ich in der Cleveland Clinic erlebt habe, ist kein Versehen. Es ist Symptom.
Herzerkrankungen, Typ-2-Diabetes, Adipositas – das sind in den USA längst keine individuellen Schicksale mehr, sondern strukturelle Probleme. Und während die Klinik Herzen repariert, läuft nebenan das System weiter, das sie beschädigt.
Das hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Es macht mich auch wütend und sehr nachdenklich.
Meal Prep für die Klinik – unsere stille Gegenmaßnahme
Während wir am Abend unserer Ankunft noch schnell irgendwo etwas aßen, hatten mein Mann und uns entschieden: Wir essen nicht das, was hier überall angeboten wird. Nicht weil wir besserwisserisch wären – sondern weil wir wissen, wie gut es sich anfühlt, wenn man den Körper auch in stressigen Momenten gut versorgt. Außerdem bekomme ich von dem ganzen frittierten Zeug Pickel.
Zum Glück gibt es in der Klinik kleine Kühlschränke für Angehörige. Die haben wir genutzt. Und so sind wir mit unseren selbst zubereiteten Salaten, hartgekochten Eiern, und frischen Kräutern morgens ins Krankenhaus gegangen oder haben abends im AirBnB gekocht.
Meal Prep ist eben auch Fürsorge. Für andere. Und für sich selbst.
Wer keine Zeit oder Möglichkeit hatte, selbst vorzukochen, hatte übrigens eine überraschend gute Alternative: Den prall gefüllten Farmer’s Fridge Automaten, den wir mitten in der Klinik entdeckt haben. Frische Salate in Glasgläsern, Wraps, Snackboxen – alles ohne Konservierungsstoffe, täglich befüllt. Ein kleiner, lichter Moment im Fast-Food-Dickicht.
Trader Joe's, Whole Foods und die Welt der Kohlsalate
Wer in den USA gut und bezahlbar einkaufen möchte, kommt an Trader Joe’s nicht vorbei. Die Auswahl an frischem Gemüse, an fertigen Salat-Mixes, an guten Zutaten für überschaubares Geld ist einfach wunderbar.
Was mich besonders überrascht hat: die Salate hier sind viel kohllastiger als bei uns. Grünkohl, Rotkohl, Chinakohl … alles wird ganz selbstverständlich gemischt, schön vorbereitet, oft schon mit Dressing dabei. Was in Deutschland als Superfood-Trend vermarktet wird, ist dort eine normale Basis für einen Salat.
Auch Whole Foods haben wir besucht. Ich liebs. Hier wird gutes Essen zelebriert. Das Sortiment ist hochpreisig, aber eben auch beeindruckend, wie man gute Lebensmittel abfeiern kann. Es ist schon verrückt, aber passt dann doch wie zwei Puzzleteile zusammen: dasselbe Land, das Fast Food zur nationalen Grundnahrung gemacht hat (auch in den Schulen!), hat gleichzeitig eine florierende Wellness-Industrie, die Darmgesundheit in Hochglanz verpackt und teuer verkauft.
Ein Moment Cleveland – der Wochenmarkt
Und dann gab es diese andere Seite Clevelands, die ich so nicht erwartet hatte: einen kleinen, lebendigen Wochenmarkt. Lokal, persönlich, voller Leben. Und mittendrin: selbst gemachtes Kimchi aus Cleveland, bunte Karottenmischungen, fermentiertes Gemüse.
Es gibt hier auch Menschen, die anders essen und es irgendwie schaffen, sich nicht in dieses kaputte Food System hineinziehen zu lassen.
Für die Seele: Ein Blind Date mit einem Buch
Zwischen all dem – Klinik, Supermarkt, Meal Prep, Sorge, Jet Lag – haben wir noch etwas ganz Schönes entdeckt: einen kleinen Büchermarkt mit „Blind Date with a Book“. Eingepackte Bücher, nur mit einem kleinen Hinweis beschriftet. Man kauft, ohne genau zu wissen, was man bekommt. Hat mir gefallen.
Was ich mitnehme
Cleveland hat mich nachdenklich gemacht. Nicht wegen der Medizin, die hat mich nachhaltig beeindruckt. Sondern wegen des Widerspruchs, der sich durch diese ganze Woche gezogen hat:
Ein Land, das bereits ist, die Grenzen des medizinisch Möglichen herauszufordern. Und gleichzeitig ein Lebensmittelsystem unterhält, das Krankheiten systematisch begünstigt. Das Herzen repariert – und nebenan Zuckerbomben verkauft. Das Kombucha-Wände in Hochglanzläden aufbaut – und Gemüse teurer macht als Pommes.
Ich nehme mit: dass Meal Prep, gutes Gemüse und ein bisschen Vorbereitung kein Luxus sind. Sondern Haltung. Eine politische, fast. Und meine sehr persönliche.
Unser Freund erholt sich übrigens gut.
Das ist das Wichtigste.

20 Kommentare
Danke für den tollen Bericht. Er spricht mir so aus der Seele. Ich lebe schon seit über 25 Jahren in Canada und bin auch immer wieder überrascht in welch einer paradoxen Welt wir leben. Es hat sich aber schon viel in den letzten Jahren getan und das gesunde Angebot an frischen Gemuesesorten ist vielseitiger geworden vor allem Dank der Bauernmärkte.
Aber wenn ich zu Besuch in Deutschland bin sehe ich auch die Veränderung in der Ernährungsweise. Viel mehr Fast Food was man 24/7 immer bekommen kann und es günstiger ist. Wobei ich nicht davon überzeugt bin. Wir müssen nur wieder mehr kochen und uns mit der Ernährung intensiver auseinander setzen.
Vielen lieben Dank für deinen aufrichtigen und interessanten Artikel.
Liebe Svenja, das sehe ich genauso. Wir haben verlernt, uns gut zu ernähren. Liebe Grüße, Susanne
Liebe Susanne,
wow, welch eine Freundschaft!! Bin gerade sehr beeindruckt, wieviel ihr zusammen in so kurzer Zeit bewegt habt!
Nicht nur im positivsten Sinne miteinander, sondern Du über Deine umfassend klasse an uns mitgeteilten Erlebnisse und Eindrücke!
Welch ein Geschenk, sich täglich die eigene Gesundheitsbilanz – mitunter- über gute Ernährung facettenreich gestalten zu können!
Danke Dir sehr für Deinen bunten Reminder!!!
Ariane ☀️
🤗🤗🤗
Sehr interessant und so wahr. Leider.
Ich lebe in Italien, bin Blutspenderin.
Um sich nach dem spenden zu regenerieren wird man sofort in die anliegende Bar geschickt. Dort hat man die Wahl zwischen Weißbrot entweder belegt mit Mortadella oder Parma Schinken zu holen. Es gibt noch eine undefinierbare vegetarische Variante, die aussieht wie eine Frikadelle.
Dazu dann einen gezuckerten industriellen Fruchtsaft oder eine Cola!
Frisch gepresster Orangensaft, Datteln oder Obst und Gemüse gibt es einfach nicht. Geschweige denn einen zentrifugierten Gemüsesaft.
Auch hier findet das Ganze in einem Krankenhaus statt.
Darauf angesprochen kommt es auch hier eben nur auf die billigere Variante heraus. Total kontraproduktiv.
Auf jeden Fall werde ich mich jetzt wieder anmelden und mir einen kleinen meal prep mitnehmen. Vielen Dank, Susanne
Toll, dass du zum Blutspenden gehst, Susanne. Ich muss das auch unbedingt mal wieder machen. Und ja … es gibt noch ganz viel zu tun. Dank Menschen wir dir werden wir da peu à peu auch hinkommen.
Ganz liebe Grüße
Susanne
Auch wenn es in mehrfacher Hinsicht um ein ernstes Thema geht, der Spaß am Lesen des inspirierenden Artikels führt übergangslos zu dem Gefühl, etwas von dem umsetzen zu wollen, was meal prep-mäßig angeregt wird…
Ach, das freut mich sehr, Britta.
Vielen Dank für die vielseitigen Einblicke. Es tut gut zu lesen, dass es auch anders geht, aber es braucht so viel Willen und finanzielle Mittel, es auch umzusetzen. Was für ein Geschenk, dass euer Freund euch – und wahrscheinlich viele andere gute Seelen – an seiner Seite hat. Gute Besserung ihm und euch weiter viel Energie, das System auch hier in Deutschland zu umgehen.
Ganz lieben Dank dir, Katja.
Liebe Susanne,
ein medizinischer Kollege hat auch in den USA in der Herzchirurgie gearbeitet. Ca 15 Jahr her. Auch hier im OP Herz operiert, danach zum Essen klassisches Fast Food. In der Klinik das große M…
Ich war Anfang Mai 2026 in Chicago und es ist echt schwer an gutes Essen zu einem angemessenen Preis zu kommen. Was mich aber auch beschäftigt hat, sind die unfassbar großen Portionen in Restaurants. Ich hatte für mich einmal ein Salat mit Hühnchen bestellt, das war eine sehr große Schüssel und ca. 2-3 Portionen für mich alleine. Ich habe dann aufgegeben.
Guter Punkt, Judith. Unsere Portionen am ersten Abend im Restaurant waren auch riesig.
…diese Gegensätze (ich habe sie Anfang der 2000er erlebt) muss man, wenn mal länger bleiben will, erstmal aushalten! Wollte eine einfache Lasagne für meine Gasteltern kochen, war auch bei Traders Joe sehr schwierig, die einfachen unbehandelten Zutaten dafür zu bekommen, und das Gemüse pur war auch damals schon gemein teuer….
Toll geschrieben❤️
….aber ist es in Deutschland nicht ähnlich, nur vielleicht einige Jahre dahinter in der Entwicklung? Traurig aber wahr…
Ich fürchte, du hast Recht, Sybille.
Vielen Dank für die Zusammenfassung dieser vielfältigen und auch paradoxen Eindrücke. Ein Satz ist bei mir ganz besonders hängen geblieben: „ Wir essen nicht das, was hier überall angeboten wird. Nicht weil wir besserwisserisch wären – sondern weil wir wissen, wie gut es sich anfühlt, wenn man den Körper auch in stressigen Momenten gut versorgt“. Das spricht mir sehr aus der Seele. Denn auch mir wurde bereits desöfteren tatsächlich Besserwisserei vorgeworfen, wenn ich mich augenscheinlich mehr um eine gesunde und passende Ernährung für mich kümmere.
Danke für den Kommentar, Daggi. Leben und leben lassen – wie schön wäre es, wenn alle diese Haltung hätten.
Liebe Grüße
Susanne
….danke für die frischen Eindrücke, es ist also vieles noch so wie zu meinen Texas-Zeiten in den late 90ies.
Sehr interessanter Reisebericht! Danke, hat mir gut gefallen.
danke, Berenike