Warum erkrankt eine Person an Zöliakie, während eine andere – mit ähnlicher Ernährung und ähnlichem Lebensstil – keinerlei Beschwerden hat? Die Antwort liegt zu einem wesentlichen Teil in der Genetik. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, wie komplex und gleichzeitig faszinierend diese Zusammenhänge sind.
Die genetische Grundvoraussetzung: HLA-DQ2 und HLA-DQ8
Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung mit klar definierter genetischer Grundlage. Im Zentrum stehen zwei bestimmte Eiweißmoleküle auf der Oberfläche von Immunzellen: HLA-DQ2 und HLA-DQ8. Sie werden durch Gene der sogenannten HLA-Klasse-II-Gruppe gesteuert und spielen eine zentrale Rolle bei der Erkennung von Fremdstoffen durch das Immunsystem.
Bei Menschen mit Zöliakie erkennen diese Moleküle Gluten fälschlicherweise als Bedrohung. Die Folge ist eine Immunreaktion, die den Dünndarm schädigt und langfristig zu einer gestörten Nährstoffaufnahme führt.
Wissenschaftlich gut belegt ist: Wer weder HLA-DQ2 noch HLA-DQ8 trägt, kann keine Zöliakie entwickeln. Diese Genvarianten sind die absolute Grundvoraussetzung. Etwa 95 % aller Zöliakie-Betroffenen tragen HLA-DQ2, der verbleibende Anteil trägt HLA-DQ8.
Eine überraschende Diskrepanz: Viele tragen die Gene, wenige erkranken
Obwohl HLA-DQ2 und HLA-DQ8 als Risikovarianten gelten, sind sie in der Allgemeinbevölkerung weit verbreitet. Schätzungsweise 30 bis 40 % aller Menschen tragen eine dieser Genvarianten. In bestimmten Regionen liegt dieser Anteil noch höher: In einer Studie aus Saudi-Arabien trugen über 52 % der gesunden Schulkinder entsprechende HLA-Risikovarianten.
Dennoch erkranken weltweit nur etwa 1 bis 2 % der Menschen tatsächlich an Zöliakie. Das bedeutet: Nur rund 3 bis 5 % der genetisch prädisponierten Personen entwickeln die Erkrankung im Laufe ihres Lebens.
Die genetische Veranlagung ist damit notwendig, aber bei weitem nicht hinreichend. Weitere Faktoren müssen hinzukommen, damit die Erkrankung ausbricht.
Ein komplexes Netzwerk: Mehr als nur zwei Gene
Die Forschung hat in den vergangenen Jahren deutlich gemacht, dass Zöliakie polygenetisch bedingt ist. Mithilfe sogenannter genomweiter Assoziationsstudien (GWAS) wurden inzwischen 42 weitere Genbereiche identifiziert, die das Erkrankungsrisiko beeinflussen. Dazu gehören unter anderem Gene wie CTLA4, IL2/IL21 und TNFAIP3, die allesamt Funktionen im Immunsystem übernehmen.
Trotz dieser Erkenntnisse erklären alle bekannten genetischen Faktoren zusammen nur etwa 40 % der erblichen Veranlagung für Zöliakie. Die nicht-HLA-Gene allein erklären sogar nur rund 4,5 % der genetischen Varianz. Ein erheblicher Teil der Erblichkeit bleibt damit wissenschaftlich noch ungeklärt.
Gene allein reichen nicht aus
Die aktuelle Forschungslage ist eindeutig: Genetische Prädisposition und Glutenkonsum sind notwendige, aber nicht ausreichende Voraussetzungen für die Entstehung einer Zöliakie. Weitere Faktoren werden intensiv untersucht. Im Fokus stehen derzeit:
- Veränderungen im Darmmikrobiom
- Infektionen in der frühen Kindheit, die das Immunsystem dauerhaft beeinflussen können
- Hormonelle Veränderungen, etwa in der Perimenopause
- Veränderungen in der Zusammensetzung moderner Weizensorten
Interessant ist dabei auch die evolutionäre Perspektive: Forschende sprechen vom sogenannten „evolutionären Zöliakie-Paradox“: Trotz ihrer gesundheitlichen Nachteile haben sich die HLA-DQ2/DQ8-Varianten in Ackerbaukulturen mit langer Weizenkonsum-Tradition nicht zurückgebildet, sondern sind dort sogar besonders häufig.
Eine der konkretesten Hypothesen dazu stammt von Lionetti und Catassi (2014): Sie vermuten, dass HLA-DQ2 vor rund 10.000 Jahren, nach der Verbreitung des Weizenanbaus, positiv selektiert wurde – möglicherweise weil die Genvariante einen Schutz vor Karies bot. Karies hatte in frühen Ackerbaugesellschaften erhebliche negative Auswirkungen auf Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit, sodass ein Selektionsvorteil plausibel erscheint. Diese „DQ2-Karies-Schutz-Hypothese“ gilt als eine mögliche, aber noch nicht abschließend bestätigte Erklärung. Eine zweite, allgemeinere Forschungsrichtung sieht Zöliakie als möglichen Nebeneffekt einer positiven Selektion auf bestimmte Immunfunktionen insgesamt, ohne den konkreten Mechanismus klar zu benennen.
Hinweis: Stillen und der Zeitpunkt der ersten Gluteneinführung im Säuglingsalter zeigten in aktuellen Studien keinen signifikanten Einfluss auf das Zöliakie-Risiko bei genetisch prädisponierten Kindern.
Was bedeutet das in der Praxis?
Wer eine Zöliakie-Diagnose erhalten hat, sollte wissen: Erstgradig Verwandte haben ein statistisch erhöhtes Risiko, ebenfalls zu erkranken. Ein Screening mittels Bluttest ist in diesen Fällen sinnvoll, auch ohne aktuelle Beschwerden.
Darüber hinaus verdeutlichen diese genetischen Zusammenhänge, warum Zöliakie so häufig spät oder gar nicht erkannt wird. Die Erkrankung zeigt ein breites Spektrum an Symptomen, das weit über klassische Magen-Darm-Beschwerden hinausgeht. Wer die genetischen Hintergründe kennt, kann gezielter nach einer Diagnose suchen.
Quellen
Gatti S. & Catassi C. (2024): The global epidemiology of celiac disease. Narratives Review.
Myleus A. & Catassi C. (2025): Current epidemiology of celiac disease. Review.
- Lionetti E. & Catassi C. (2014): Co-localization of gluten consumption and HLA-DQ2 and -DQ8 genotypes, a clue to the history of celiac disease.
