Diesen Artikel hat Facharzt für Innere Medizin (und mein Hausarzt) Dr. Lars Lomberg aus Hamburg für uns geschrieben.

Schlechter Schlaf, plötzliche Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen oder das Gefühl,  dass der eigene Körper irgendwie „anders“ funktioniert als noch vor ein paar Jahren: Viele  Frauen um die 50 kennen diese Phase sehr gut. Oft kommen mehrere Themen gleichzeitig zusammen. Genau in solchen Situationen fällt inzwischen manchmal ein Begriff, der vor wenigen Jahren noch kaum jemandem etwas gesagt hätte: DiGA, also die „App auf  Rezept“.  

Das klingt zunächst für viele eher technisch oder vielleicht sogar ein wenig nach  Gesundheitsmarketing. Tatsächlich sind Digitale Gesundheitsanwendungen aber seit 2020  ein etablierter Teil der regulären medizinischen Versorgung in Deutschland. Trotzdem  bleibt bei vielen Patientinnen die Frage: Was genau ist das eigentlich? Für wen lohnt sich  so etwas? Und wie sinnvoll ist eine solche Anwendung im echten Alltag zwischen Beruf  und Familie?  

Was eine DiGA eigentlich ist

Was wirklich wichtig ist zu wissen: Eine DiGA ist nicht einfach irgendeine Gesundheits-App aus dem App Store. DiGAs sind digitale Anwendungen, die als Medizinprodukt zugelassen  sind und in Deutschland ein geregeltes Prüfverfahren durchlaufen haben. Vereinfacht gesagt: Es geht nicht um einen Schrittzähler, ein allgemeines Ernährungsprogramm oder  eine nett gemachte Wohlfühl-App, sondern um digitale Anwendungen, die gezielt bei bestimmten Erkrankungen oder Beschwerden eingesetzt werden sollen und deren Wirksamkeit in einer Studie nachgewiesen wurde.  

Der Begriff „App auf Rezept“ ist zwar etwas vereinfacht, trifft den Kern aber durchaus.  Denn diese Anwendungen können tatsächlich ärztlich verordnet werden. Sie sollen dabei  helfen, Symptome besser zu verstehen, Verhaltensänderungen umzusetzen,  Krankheitsverläufe zu strukturieren oder die Zeit zwischen Arztterminen sinnvoll zu  begleiten. Das ist ein wichtiger Punkt: Eine DiGA soll nicht bloß „beschäftigen“, sondern einen medizinisch sinnvollen Beitrag leisten. 

Wie man an eine DiGA kommt 

Grundsätzlich gibt es zwei Wege an eine DiGA zu kommen. Erstens kann diese durch eine Ärztin oder einen Arzt verordnet werden, zum Beispiel durch den Hausarzt, die Frauenärztin, den Psychiater oder je nach Thema auch durch andere Fachrichtungen. Alternativ kann man bei entsprechender Diagnose auch direkt bei der Krankenkasse einen Antrag stellen, indem man dieser zum Beispiel einen Arztbrief mit der Diagnose sendet, für die die DiGA geeignet ist. 

In der Praxis ist die ärztliche Verordnung allerdings meistens der sinnvollere Weg. Nicht, weil der Direktantrag grundsätzlich falsch wäre, sondern weil die eigentliche Stärke einer DiGA meist erst dann wirklich zum Tragen kommt, wenn sie medizinisch eingeordnet und ärztlich begleitet wird. Die Frage ist ja nicht nur, ob man eine App bekommen kann, sondern welche überhaupt zur eigenen Situation passt, was man realistischerweise davon erwarten darf und wie sie in das bestehende Behandlungskonzept eingebunden werden sollte.
Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten in der Regel vollständig. Auch private Krankenversicherungen tragen die Kosten häufig, hier ist es aber im Zweifel sinnvoll, vorab kurz nachzufragen, damit es später keine unnötigen Missverständnisse um die Kostenerstattung gibt.

Wichtiger als der formale Weg ist aber oft etwas anderes: Eine DiGA sollte idealerweise nicht einfach nur „freigeschaltet“ und dann sich selbst überlassen werden. Gerade bei komplexeren Themen ist es hilfreich, wenn die Anwendung ärztlich begleitet wird. Das gilt sowohl für die Auswahl als auch für die Nutzung im Verlauf. Denn manche Patientinnen profitieren sehr von solchen Anwendungen, andere brauchen mehr Unterstützung, mehr Erklärung oder auch eine andere therapeutische Priorität.

Welche Rolle eine DiGA in der Behandlung spielt

Vielleicht der wichtigste Satz vorweg: Eine DiGA ersetzt keine ärztliche Behandlung. Sie ersetzt weder das Gespräch noch die Untersuchung, keine Diagnostik und auch keine individuelle Therapieentscheidung. Ihr Wert liegt an anderer Stelle. Sie kann den Alltag strukturieren, Wissen vermitteln, Verhaltensänderungen unterstützen und dabei helfen, Symptome oder Belastungen über einen längeren Zeitraum greifbarer zu machen.

 Gerade in Lebensphasen, in denen mehrere gesundheitliche Themen gleichzeitig eine Rolle spielen, kann das sehr hilfreich sein. Viele Frauen erleben rund um die Menopause eben nicht nur ein einzelnes Problem, sondern eher ein Zusammenspiel aus Schlafstörungen, innerer Unruhe, Stimmungsschwankungen, Gewichtsthemen, Erschöpfung und manchmal auch einer gewissen Verunsicherung darüber, was davon noch „normal“ ist und was vielleicht medizinisch abgeklärt werden sollte. Genau an dieser Schnittstelle kann eine gut ausgewählte DiGA ein sinnvoller Baustein sein. 

Am besten funktioniert das, wenn Hausarztpraxis, Frauenarztpraxis und digitale Unterstützung nicht gegeneinander stehen, sondern zusammen gedacht werden. Eine DiGA ist dann kein Ersatz, sondern eher eine Art begleitendes Werkzeug innerhalb eines größeren Versorgungskonzepts.

Warum das Thema gerade für Frauen um die 50  relevant ist 

Für viele Frauen ist die Lebensphase rund um die Wechseljahre medizinisch und emotional anspruchsvoller, als es von außen oft wirkt. Es geht eben nicht nur um Hitzewallungen. Vielmehr verändern sich häufig Schlaf, Energie, Stressverarbeitung, Körpergewicht, Zyklus, Stimmung und Belastbarkeit. Nicht alles davon ist automatisch krankhaft, aber vieles kann dennoch deutlich beeinträchtigen. 

Gerade deshalb ist das Thema Menopause ein Bereich, in dem digitale Anwendungen besonders interessant werden. Hier können Apps helfen, Beschwerden systematisch zu erfassen, Muster zu erkennen und Informationen verständlich aufzubereiten. Eine solche Anwendung kann zum Beispiel zeigen, ob bestimmte Symptome zyklusnah auftreten, ob
Schlafprobleme zunehmen oder ob Belastungen im Alltag bestimmte Beschwerden verstärken. 

In diesem Zusammenhang kann man auch die Meno-App nennen, die sich gezielt mit menopausalen Beschwerden auseinandersetzt. Solche Anwendungen können dazu beitragen, dass Patientinnen ihre Beschwerden präziser einordnen und ärztliche Gespräche strukturierter führen können. Das ist besonders dann wertvoll, wenn es um die Frage geht, welche Maßnahmen sinnvoll sind und ob etwa eine weitergehende gynäkologische oder hausärztliche Abklärung notwendig ist. Klar bleibt aber auch hier: Eine App kann begleiten, erklären und strukturieren, aber sie ersetzt nicht die individuelle Beratung, etwa zur Hormonersatztherapie oder zu anderen Behandlungsoptionen.

Psychische Gesundheit: ein oft unterschätzter Bereich

Ein zweites Themenfeld, das für viele Frauen in dieser Lebensphase relevant sein kann, ist die psychische Gesundheit. Nicht jede Stimmungsschwankung ist eine Depression, nicht jede Unruhe eine Angststörung. Aber psychische Belastungen nehmen in Phasen körperlicher und hormoneller Umstellung oft zu, und gleichzeitig sind niedrigschwellige therapeutische Angebote im Alltag nicht immer leicht verfügbar.
Gerade hier haben sich einige DiGAs etabliert. Anwendungen wie deprexis, Selfapy oder HelloBetter arbeiten häufig mit Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie und versuchen, Betroffene strukturiert durch Übungen, Reflexionen und alltagsnahe Strategien zu begleiten. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie sofort verfügbar sind und eine gewisse Regelmäßigkeit in die Auseinandersetzung mit der eigenen Situation bringen können.
Das macht sie nicht zu einem Ersatz für Psychotherapie, aber für viele Menschen zu einer sinnvollen Brücke oder Ergänzung. Besonders dann, wenn erste depressive Symptome, Erschöpfung, Grübelneigung oder Angstthemen bestehen, kann eine solche digitale Anwendung ein guter Einstieg oder eine flankierende Unterstützung sein.

Gewicht, Stoffwechsel und Adipositas

Ein weiteres Thema, das viele Frauen ab der Lebensmitte beschäftigt, ist die Veränderung des Stoffwechsels. Gewichtszunahme wird oft vorschnell als individuelles Versagen interpretiert, obwohl hormonelle Veränderungen, Schlafmangel, Stress und Lebensstilfaktoren hier häufig zusammenwirken. Umso wichtiger ist ein sachlicher, nicht moralisierender Blick auf das Thema.
Im Bereich Adipositas gibt es mit zanadio und Oviva Direkt zwei Anwendungen, die gezielt auf strukturierte Verhaltensänderung ausgerichtet sind. Sie setzen typischerweise an Ernährung, Bewegung und Alltagsroutinen an und versuchen, aus dem diffusen Vorsatz „Ich müsste mal wieder etwas machen“ einen konkreteren und alltagstauglicheren Prozess zu machen.
Auch hier gilt: Solche Anwendungen können hilfreich sein, wenn sie realistisch eingebettet werden. Sie sind keine Wunderlösung und ersetzen keine umfassende multimodale Therapie, wenn eine ausgeprägte Adipositas oder relevante Begleiterkrankungen vorliegen. Sie können aber ein sinnvoller Teil eines strukturierten Behandlungsansatzes sein, gerade wenn Patientinnen eine engere Alltagsbegleitung wünschen.

Auch funktionelle und gynäkologische Beschwerden  spielen eine Rolle

Spannend ist, dass der Nutzen von DiGAs nicht nur auf klassische Felder wie Psyche oder  Gewicht beschränkt ist. Auch bei funktionellen Darmbeschwerden und spezifisch  gynäkologischen Erkrankungen gibt es inzwischen relevante Anwendungen.  

Ein Beispiel ist Cara Care, eine DiGA für das Reizdarmsyndrom. Auf den ersten Blick  würde man das vielleicht nicht sofort mit dem Thema „Frauenmedizin ab 50“ verbinden. In  der Realität spielen aber gerade funktionelle Beschwerden wie Blähungen,  Bauchschmerzen, Unverträglichkeiten oder wechselnde Verdauungsprobleme bei vielen  Patientinnen eine wichtige Rolle. Hier kann es sehr hilfreich sein, Symptome, Ernährung  und Alltagsfaktoren systematisch zu erfassen, um Zusammenhänge überhaupt erst  sichtbar zu machen.  

Darüber hinaus gibt es auch digitale Anwendungen für gynäkologische Krankheitsbilder,  bei denen viele zunächst gar nicht an eine DiGA denken würden. Dazu gehören  beispielsweise Anwendungen im Kontext der Endometriose mit der Endo-App oder  Pink! Coach, eine DiGA zur Begleitung von Patientinnen mit Mammakarzinom. Gerade bei  chronischen oder belastenden Erkrankungen kann eine gut gemachte digitale Anwendung  helfen, Therapieabläufe besser zu verstehen, Symptome greifbarer zu machen und mehr  Orientierung im Alltag zu gewinnen.  

Das ist ein wichtiger Gedanke: DiGAs sind nicht nur etwas für „Stress“ oder „ein bisschen  Gesundheitsvorsorge“, sondern können auch in ernsthaften und komplexeren  Versorgungssituationen eine ergänzende Rolle spielen. 

Was DiGAs gut können – und was nicht

DiGAs sind besonders dann stark, wenn es um Struktur, Kontinuität und Selbstwirksamkeit  geht. Sie können dabei helfen, dass Gesundheitsthemen zwischen Arztterminen nicht  wieder im Alltag untergehen. Sie können Wissen in kleine, handhabbare Schritte  übersetzen und Patientinnen dazu befähigen, ihre eigene Situation besser zu verstehen.  

Ihre Grenzen liegen dort, wo ärztliche Diagnostik, individuelle Therapieentscheidungen  oder komplexe klinische Einordnungen gefragt sind. Außerdem hängt ihr Nutzen stark  davon ab, ob sie tatsächlich genutzt werden. Eine DiGA, die nach zwei Tagen nicht mehr  geöffnet wird, wird naturgemäß wenig bewirken. Das klingt banal, ist aber zentral. Der  Erfolg hängt also nicht nur von der Anwendung selbst ab, sondern auch davon, ob sie zur  Lebensrealität der jeweiligen Patientin passt. 

Fazit

Digitale Gesundheitsanwendungen sind kein technischer Nebenschauplatz und auch kein  bloßer Trend. Richtig eingesetzt können sie ein sinnvoller Bestandteil moderner  Versorgung sein. Gerade für Frauen um die 50, bei denen Themen wie Menopause, Schlaf,  Stimmung, Gewicht oder auch chronische Beschwerden zusammenkommen, können sie  Orientierung, Struktur und Unterstützung bieten. 

Entscheidend ist dabei weniger die bloße Existenz einer App als ihre sinnvolle Einbettung.  Am meisten profitieren Patientinnen dann, wenn eine DiGA nicht isoliert genutzt wird,  sondern Teil eines größeren Behandlungskonzepts ist – gemeinsam mit hausärztlicher  Begleitung, fachärztlicher Expertise und einem realistischen Blick darauf, was digitale  Medizin leisten kann und was nicht.