Mit der im September 2026 veröffentlichten internationalen Norm ISO 45010:2026 („Occupational health and safety management — Menstruation and menopause in the workplace — Guidance“) erfährt das Thema Wechseljahre am Arbeitsplatz nun weltweite Anerkennung im Arbeitsschutz- und Gesundheitsmanagement. 

Erwerbstätige in der Lebensphase der Perimenopause und Menopause gehören heute in vielen Branchen zu den tragenden Säulen eines Unternehmens: Sie verfügen über langjährige Berufs- und Führungserfahrung, wertvolles Prozesswissen und hohe Loyalität. Dennoch war das Thema Wechseljahre in der betrieblichen Gesundheitsförderung und Personalpolitik lange Zeit ein blinder Fleck.

Für HR- und BGM-Verantwortliche markiert dieser Leitfaden den Übergang von vereinzelten Initiativen hin zu einem systematischen, messbaren Handlungsrahmen.

Was ist die ISO 45010? Die wichtigsten Fakten für Personal und BGM

Die neue ISO ist als praxisnaher Leitfaden (Guidance) konzipiert und richtet sich an Organisationen aller Größenordnungen: von globalen Konzernen bis hin zu kleinen und mittleren Betrieben (KMU).

1. Ergänzung bestehender Standards

Die Norm fungiert nicht als isoliertes Einzeldokument, sondern ergänzt bewährte Managementsysteme:

  • ISO 45001 (Arbeitsschutzmanagement): Integration in die Gefährdungsbeurteilung und den Gesundheitsschutz.
  • ISO 45003 (Psychosoziale Risiken): Adressierung von Stigmatisierung, Leistungsdruck und psychischer Belastung.
  • ISO 53800 (Geschlechtergerechtigkeit): Förderung echter Chancengleichheit über alle Lebensphasen hinweg.

2. Das Grundprinzip: Lebensphase statt Krankheit

Die ISO 45010 stellt unmissverständlich klar: Menstruation und Wechseljahre sind natürliche Lebensphasen, keine medizinischen Erkrankungen.

Daraus leiten sich für Führungskräfte wesentliche Erkenntnisse ab:

  • Jede betroffene Person erlebt diese Lebensphasen anders. Beschwerden variieren stark in Art und Intensität und verändern sich über die oft mehrjährigen Phasen (von der Perimenopause bis zur Postmenopause) hinweg.
  • Oft wird das Thema vor allem mit Defiziten und Leistungsabfall assoziiert. Diese negative Konnotation schürt Ängste und führt dazu, dass Betroffene schweigen. Ein Ziel der ISO ist es, Barrieren abzubauen und das Thema zu normalisieren, ohne es zu dramatisieren.
  • Ausgeprägte oder plötzliche Beschwerden können auch durch eigenständige medizinische Erkrankungen (z. B. Endometriose, Myome, Schilddrüsendysfunktionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen) hervorgerufen oder verstärkt werden. Häufig werden solche Ursachen weder von Betroffenen noch im Umfeld rechtzeitig erkannt. Arbeitgeber stellen niemals Diagnosen; sie sollten jedoch ermutigen und ermöglichen, dass Beschwerden ärztlich abgeklärt und professionell begleitet werden.

3. Der Business Case: Bindung wertvoller Fachkräfte

Bis 2030 werden weltweit über 1,2 Milliarden Frauen in den Wechseljahren oder postmenopausal sein, während monatlich 1,8 Milliarden Menschen menstruieren. Unbeachtete Symptome und unzureichende Arbeitsbedingungen führen bereits heute zu vermeidbarem Präsentismus und Konzentrationsproblemen, steigenden krankheitsbedingten Fehlzeiten, dem unfreiwilligen Rückzug aus Führungsverantwortung oder der Reduktion von Arbeitszeit – im gravierendsten Fall zum vorzeitigen Verlassen des Unternehmens.

Die Umsetzung der ISO 45010 ist somit kein soziales „Nice-to-have“, sondern ein entscheidender Hebel im Employer Branding und im Kampf gegen den Fachkräftemangel.

DIE ISO 45010 IM DETAIL: AUFBAU, BEGRIFFE UND WERKZEUGE

Die ISO 45010 liefert nicht nur Prinzipien, sondern einen reichhaltigen Baukasten für die betriebliche Praxis:

  • Strukturierte Begriffsklärungen in Form von eindeutigen Definitionen biologischer Phasen (Perimenopause, Menopause, Postmenopause, Menstruation).
  • Basiswissen zu Zyklus, Symptomvielfalt, Begleiterkrankungen und häufigen Mythen.
  • Ein Manager-Toolkit mit konkreten Leitfäden für sensible, vertrauliche Mitarbeitergespräche, Muster-Gefährdungsbeurteilungen und Anpassungstabellen für den Arbeitsalltag.
  • Ein strukturierter Fragebogen zur Überprüfung bestehender Unternehmensstrukturen und Arbeitsplätze.
  • Empfehlungen, wie Einstellungsverfahren barrierefrei und vorurteilsfrei gestaltet werden können.
  • Vorlagen für Schulungskonzepte, Sensibilisierungsinitiativen und eine betriebliche Grundsatzerklärung (Workplace Charter).
  • Konkreter Abgleich, wie jede Maßnahme direkt auf bestehende ISO-45001-Prozesse einzahlt.

Die 4 zentralen Handlungsfelder der neuen Norm

Die Norm bündelt konkrete Handlungsfelder, an denen HR und BGM direkt ansetzen können:

1. Physische Arbeitsumgebung (Physical Work Environment)

Kleine räumliche Anpassungen haben oft die größte Wirkung:

  • Klimatisierung und Belüftung: Individuell regulierbare Raumtemperaturen, Bereitstellung von Tisch- oder Standventilatoren sowie Zugang zu Frischluft.
  • Sanitäre Infrastruktur: Ausreichend saubere Waschräume mit kostenfreien Menstruationsartikeln, Warmwasser und diskreten Entsorgungsmöglichkeiten.
  • Ruhe- und Rückzugsorte: Ruhige Zonen für kurze Erholungspausen bei akuten Schmerzzuständen, Erschöpfung oder Hitzewallungen.
  • Arbeitskleidung & PSA: Überprüfung von Dienstkleidung und persönlicher Schutzausrüstung auf atmungsaktive Materialien, flexible Passformen und Bereitstellung von Ersatzkleidung für Notfälle.

2. Arbeitsorganisation und Flexibilität (Job Design)

Starre Arbeitsmodelle verstärken Belastungen unnötig. Die Norm empfiehlt:

  • Gleitzeit und mobiles Arbeiten: Die Möglichkeit, bei Schlafstörungen oder starken Beschwerden temporär von zu Hause aus zu arbeiten oder Arbeitszeiten flexibel zu verlagern.
  • Mikropausen (Microleave): Kurze Unterbrechungen zur Symptombewältigung (z. B. Frischluftpause, Abkühlung), ohne dass direkt ein ganzer Krankheitstag gemeldet werden muss.

3. Unternehmenskultur, Qualifizierung und Führung

Maßnahmen greifen nur, wenn das soziale Umfeld stimmt:

  • Schulung von Führungskräften: Vorgesetzte müssen kein medizinisches Fachpersonal werden. Sie benötigen jedoch das Handwerkszeug, um Gespräche empathisch, vorurteilsfrei und lösungsorientiert zu führen.
  • Aufklärung der Belegschaft: Sachliche Informationsangebote im Rahmen des BGM bauen Mythen ab und schaffen Verständnis im Team.
  • Prüfung auf unbewusste Vorurteile: Interne Prozesse, Leistungsbeurteilungen und Kommunikationsmuster sollten aktiv darauf geprüft werden, ob veraltete Vorurteile und Klischees über das Alter oder über natürliche körperliche Vorgänge unbewusst weitergetragen werden.
  • Partizipative Einführung: Richtlinien und Initiativen sollten niemals rein „von oben herab“ entstehen. Die Einbindung von Betroffenen in die Planung sichert praxisnahe und wirksame Lösungen.
  • Gendersensibilität und Vielfalt: Menstruation und Wechseljahre betreffen nicht nur cis-Frauen, sondern ebenso trans-Männer sowie nicht-binäre und intergeschlechtliche Personen. Eine inklusive Sprache und diskriminierungsfreie Zugänge (z. B. geschlechtsneutrale Toiletten mit Hygieneartikeln) stellen sicher, dass alle Mitarbeitenden erreicht und geschützt werden.

4. Vertraulichkeit und der „Workplace Adjustment Passport“

  • Freiwillige Offenlegung: Keine mitarbeitende Person darf gedrängt werden, gesundheitliche Details preiszugeben. Vertraulichkeit und Datenschutz haben oberste Priorität.
  • Verlässliche Dokumentation: Ein Workplace Adjustment Passport hält getroffene Vereinbarungen (z. B. angepasste Schichtmodelle, Ventilatoren, Homeoffice-Regelungen) vertraulich fest. So bleiben Absprachen auch bei einem Wechsel der Führungskraft bindend, verbunden mit festen Überprüfungszeiträumen (z. B. nach 3 oder 6 Monaten).

5 Schritte zur Umsetzung: Roadmap für HR & BGM

1. Bestandsaufnahme:

Die Gefährdungsbeurteilung physischer und psychischer Belastungen um zyklus- und wechseljahresrelevante Kriterien ergänzen (z. B. Hitzebelastung, Schichtarbeit, Rückzugsmöglichkeiten).

2. Richtlinien anpassen:

Automatisierte Schwellenwerte und Eskalationsstufen im Fehlzeitenmanagement daraufhin anpassen, ob sie Beschäftigte mit zyklus- oder wechseljahresbedingten Kurzabwesenheiten benachteiligen.

3. Führungskräfte schulen:

Führungskräften praxisnahe Leitfäden und Leitfragen für vertrauliche, vorurteilsfreie Mitarbeitendengespräche bereitstellen.

4. Maßnahmen pilotieren:

Sichtbare Zeichen durch kostenfreie Menstruationsartikel in den Waschräumen, Tischventilatoren oder unbürokratischen Zugang zu Trinkwasser setzen.

5. Kultur etablieren:

Geschulte Vertrauenspersonen oder Lotsen im BGM etablieren, an die sich Beschäftigte jederzeit diskret wenden können.

Fazit: Enttabuisierung als strategischer Kulturwandel

Die ISO 45010:2026 holt die Wechseljahre aus der Tabuzone und verankert sie dort, wo sie hingehören: in einer modernen Organisationskultur, die sich an den Mitarbeitenden orientiert.

Wenn Unternehmen offen und sachlich mit Menstruation und Wechseljahren umgehen, profitieren nicht nur die Betroffenen von besserer Gesundheit und höherer Arbeitszufriedenheit. Arbeitgeber sichern sich loyale Spitzenkräfte, reduzieren vermeidbare Fehltage und positionieren sich als zukunftsorientierte, attraktive Arbeitgeber auf der Höhe der Zeit – gewappnet für den demografischen Wandel.

Führungskräfte-Training: Wechseljahre am Arbeitsplatz

Die ISO 45010 nennt die Schulung von Führungskräften als zentralen Hebel. Wir haben für genau diese Ansprechpartner:Innen ein Training entwickelt. In nur 30 Minuten und fünf strukturierten Modulen lernen Führungskräfte, was in den Wechseljahren im Körper passiert und wie sie bei diesem sensiblen Thema mit betroffenen Mitarbeiterinnen umgehen und Unterstützung leisten. Außerdem erfahren sie, welche Maßnahmen sie im Team direkt umsetzen können. Das Training läuft flexibel online auf Desktop, Tablet oder Smartphone. Checklisten für die Arbeitsplatzgestaltung und Dialog-Guides für sensible Gespräche sind inklusive. 

Führungskraft mit Brille und roter Krawatte lächelt am Laptop – Wechseljahre am Arbeitsplatz

Quellen

International Organization for Standardization. (2026a). Occupational health and safety management—Menstruation and menopause in the workplace—Guidance (ISO Standard No. 45010:2026). https://www.iso.org/standard/45010

International Organization for Standardization. (2026b, September 7). World-first international standard launched as demand grows for better workplace support during menstruation and menopause [Press release]. https://www.iso.org/news/2026/09/iso-45010-launch