Berlin hat schon einiges gesehen: Liebesschlösser, Wahlplakate, Baustellen, Sticker und jede Menge politische Botschaften. Jetzt kommen die Wechseljahre dazu. Und zwar nicht leise. Seit drei Jahren hängen im Berliner Zentrum die Plakate von Nobodytoldme und machen sichtbar, worüber erstaunlich viele Menschen immer noch lieber schweigen.

Mit Erfolg: Beim Kleben entstehen Gespräche. Viele Gespräche. Und sie zeigen vor allem eines: Der Informationsbedarf ist riesig. Berlin, irgendwo im Kiez zwischen Stromkasten, Altbauwand und U-Bahn. Frauen stehen mit Kleister, Eimern und bunten Plakaten vor einer ausrangierten Telefonzelle. Darauf: Wechseljahre und Menopause. Geklebt wird dort, wo Berlin eben Berlin ist – mitten ins Leben. Nicht versteckt im Hinterzimmer, sondern direkt auf die Straße. Seit drei Jahren zieht Astrid Müller gemeinsam mit anderen Frauen durch Berlin und bringt Plakate für die Wechseljahre in die Hauptstadt. Ihre Mission: Die Wechseljahre sichtbar machen und ein Thema aus der Tabuzone holen, das rund 11 Millionen Frauen in Deutschland betrifft. Und dann passiert das, was kein Plakatdesign und keine Kommunikationsstrategie zuverlässig planen kann: Die Menschen reden. Frauen bleiben stehen, lesen die Sprüche und müssen manchmal erst einmal lachen: „Der Zyklus hört auf und der Zirkus fängt an!“ Oder: „Friede. Freude. Eierstöcke.“ Und natürlich: „Don’t menopause like your mother!“ Dann wird aus dem Lachen plötzlich ein Gespräch. Über schlaflose Nächte. Über Erschöpfung. Konzentrationsprobleme. Schmerzen. Depressionen. Arbeitsunfähigkeit. Über das merkwürdige Gefühl, sich selbst nicht mehr zu erkennen. Manche sagen: „Ich dachte schon, ich werde verrückt.“ Andere sagen einfach: „Oh. Das kenne ich gut.“ Da stehen Frauen, die erst spät verstanden haben, dass ihre seltsamen, widersprüchlichen oder plötzlich auftretenden Symptome mit der Perimenopause zusammenhängen könnten. Andere klatschen Beifall. Vielleicht auch ein bisschen aus Erleichterung darüber, dass endlich jemand laut ausspricht, was sie bisher vor allem mit sich selbst ausgemacht haben. Und dann sind da die jungen Frauen. Sie bleiben stehen, schauen, fragen und wollen wissen: „Krieg ich das auch? Und was kommt da eigentlich auf mich zu?“ Die Antwort lautet vermutlich: Irgendwann ja. Aber hoffentlich mit mehr Wissen als die Generationen vor ihnen. Und überraschend oft bleiben auch junge Männer stehen. Sie wollen verstehen, was Wechseljahre eigentlich bedeuten – für ihre Partnerinnen, Mütter, Freundinnen, Kolleginnen oder Vorgesetzten.

Menopausale Plakate

Genau das ist der Punkt: Aus einem Plakat wird ein Gespräch. Aus dem Gespräch wird Wissen. Und Wissen kann Selbstbestimmung ermöglichen. „Müssen Wechseljahre überhaupt sichtbar gemacht werden?“, fragte einmal ein vorbeigehender älterer Mann. Ja. Unbedingt. Denn dass solche Plakataktionen überhaupt nötig sind, hat mit einem ziemlich großen Problem zu tun: dem Gender Health Gap. Frauen und Männer haben unterschiedliche Körper. Ihre gesundheitlichen Bedürfnisse und auch ihre Voraussetzungen für medizinische Versorgung unterscheiden sich. Trotzdem wurden und werden diese Unterschiede in Forschung, Diagnostik und Therapie lange nicht ausreichend berücksichtigt. Gerade bei Frauen in der Lebensmitte wird diese Lücke ziemlich offensichtlich.

Die Wechseljahre sind keine Krankheit. Sie sind eine natürliche Lebensphase. Aber natürlich heißt eben nicht automatisch beschwerdefrei. Schlafstörungen, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen oder Gelenkbeschwerden können Frauen ordentlich aus der Bahn werfen und die Lebensqualität massiv beeinträchtigen. Und trotzdem werden solche Symptome noch immer viel zu selten mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht. Stattdessen heißt es gerne mal: „Das ist eben das Alter.“ Danke für nichts. Denn dieser Satz ist für viele Frauen keine Erklärung, sondern eine Sackgasse. Wenn Beschwerden nicht richtig eingeordnet werden, können Jahre verstreichen, bis Frauen die Informationen und Unterstützung bekommen, die sie brauchen.

Wechseljahre sind auch ein Arbeitsplatzthema

Und dann gibt es da noch den Ort, an dem wir einen ziemlich großen Teil unseres Lebens verbringen: die Arbeitswelt. Denn Wechseljahre verschwinden nicht automatisch, nur weil um neun Uhr der Laptop aufgeklappt wird. Die MenoSupport-Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und der HTW Berlin hat untersucht, wie Frauen die Wechseljahre am Arbeitsplatz erleben. Deutschlandweit wurden dafür 2.119 Frauen befragt. Das Ergebnis ist – freundlich formuliert – ausbaufähig, denn in Unternehmen wird noch erstaunlich wenig über Wechseljahre gesprochen.

MenoSupport – die wichtigsten Zahlen

  • 52 % der Befragten erleben die Wechseljahre an ihrem Arbeitsplatz als
    Tabuthema.
  • 88 % sagen, dass dort nie oder nur selten über Wechseljahre gesprochen wird.
  • 68 % wünschen sich dagegen eine offene Kommunikation über das Thema.
  • Nur 15 % erleben ihren Arbeitgeber als unterstützend im Umgang mit den Wechseljahren.
  • Gerade einmal 4,2 % sprechen von einer wechseljahresfreundlichen Arbeitskultur.
  • Fast ein Drittel war wegen Wechseljahresbeschwerden bereits krankgeschrieben oder nahm unbezahlten Urlaub.
  • 18,4 % sagen, dass die Beschwerden ihre Entscheidung beeinflusst haben, den Arbeitsplatz zu wechseln. Man kann es drehen und wenden, wie man will:

Die Wechseljahre sind keine reine Privatsache. Sie sind auch eine Frage von Arbeitsfähigkeit, Gleichstellung und beruflicher Teilhabe. Das Schweigen hat Konsequenzen. Und vielleicht ist genau deshalb das Berliner Plakatkleben so wirkungsvoll. Denn die Plakate verlangen zunächst erstaunlich wenig. Keine Diagnose. Keine Therapie. Kein Arztgespräch. Sie sagen eigentlich nur: Hey, da ist ein Thema. Und darüber darf gesprochen werden. Klingt banal. Ist es nicht. Wenn 88 Prozent der von MenoSupport befragten Frauen sagen, dass an ihrem Arbeitsplatz nie oder nur selten über Wechseljahre gesprochen wird, könnte Veränderung tatsächlich mit etwas ziemlich Unrevolutionärem beginnen: mit einem Gespräch. Und genau diese Gespräche entstehen beim Plakatkleben. Denn hinter jeder Statistik steckt schließlich keine Statistik. Da steckt eine Frau mit einem Körper, mit einer Geschichte, mit Fragen. Und manchmal einer ziemlich langen Odyssee auf der Suche nach Antworten.

Von der Straße in die Arbeitswelt

Sichtbarkeit ist für Astrid Müller deshalb kein Selbstzweck. Es geht nicht darum, Berlin möglichst dekorativ zu menopausalisieren. Astrid möchte Frauen informieren und sie dabei unterstützen, ihre Wechseljahre selbstbestimmt zu gestalten. Und gleichzeitig soll sich die Arbeitswelt verändern. Denn eine Frau, die wegen Schlafstörungen völlig erschöpft ist, sich kaum konzentrieren kann oder mit starken Beschwerden kämpft, sollte nicht auch noch überlegen müssen: Darf ich das eigentlich sagen? Sie braucht keine peinliche Entschuldigung. Kein „Sorry, ich bin heute irgendwie nicht so fit“. Und schon gar kein schlechtes Gewissen. Sie braucht Wissen – und ein Umfeld, in dem Gesundheit ernst genommen wird. Astrid Müller beschäftigt sich seit 17 Jahren mit diesem Thema. Sie gibt Workshops, Keynotes und Vorträge zu Wechseljahren, Menopause und Hormongesundheit und berät Unternehmen dazu, wie Hormongesundheit am Arbeitsplatz stärker berücksichtigt werden kann.

Berlin wird menopausaler

Wenn Astrid Müller gemeinsam mit anderen Frauen durch Berlin zieht und Plakate für die Wechseljahre klebt, geht es deshalb um mehr als um Kleister und eine gute Portion Berliner Direktheit. Es geht um einen Perspektivwechsel. Eine Frau soll beim Anblick eines Plakats denken können: Ich bin damit nicht allein. Eine andere vielleicht: Moment mal. Das, was ich gerade erlebe, könnte mit meinen Hormonen zu tun haben. Eine junge Frau: Darüber will ich mehr wissen – bevor es mich irgendwann selbst erwischt. Und vielleicht geht ein junger Mann nach Hause und spricht zum ersten Mal mit seiner Partnerin über ihre Wechseljahre. Vielleicht ist genau das schon Veränderung. Denn Hormongesundheit beginnt nicht erst mit der Menopause. Frauen durchlaufen im Laufe ihres Lebens unterschiedliche hormonelle Phasen. Und gerade weil die Beschwerden der Perimenopause so vielfältig sein können, bleiben sie häufig lange unerkannt. Der Körper hält sich schließlich nicht an übersichtliche Kategorien. Astrid möchte Frauen deshalb neugierig auf ihre eigene Gesundheit machen – und auf die Möglichkeiten, die sie haben.

Wer hinter den Plakataktionen steckt:

Astrid Müller. Berlinerin, Gesundheitswissenschaftlerin, Autorin und Hormoncoach. Sie studierte Public Health/Gesundheitswissenschaften und arbeitete unter anderem im Bereich Gesundheitsförderung. Heute begleitet sie Frauen in Einzelcoachings und Hormonzirkeln und hält Workshops, Keynotes und Vorträge. Sie engagiert sich in der politischen Initiative #wirsind9millionen. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit: Hormongesundheit am Arbeitsplatz. Ihr Engagement für das Thema ist allerdings nicht nur beruflich motiviert. Es hat eine persönliche Vorgeschichte.

Vier Jahre ohne Antwort – zwanzig Jahre immer wieder krank

Astrid Müller litt bereits als junge Frau unter einem schweren Reizdarmsyndrom, Neurodermitis, chronischen Entzündungen, Erschöpfung, Schilddrüsenproblemen und weiteren Beschwerden. Sie suchte damals schon Hilfe in der antientzündlichen Ernährung, der Nährstofftherapie, im Yoga und der Meditation. Was sie nicht wusste: Ihr Körper hatte bereits mit einem schweren Hormonmangel zu kämpfen. Erst mit Anfang 40, als sich ihre Beschwerden massiv verstärkten, erkannte sie, dass sie bereits vorzeitig in den Wechseljahren war. Vier Jahre Eskalation ihrer Beschwerden ohne Antwort. Und dann plötzlich eine Erklärung. Mit Hilfe der bioidentischen Hormontherapie erlebte sie eine deutliche Verbesserung ihrer Symptome und fand zurück in ein gesundes Gleichgewicht. Hormongesundheitsförderung wurde damit zu einem wichtigen Teil ihres persönlichen Weges. Und das Thema ließ sie nicht mehr los. Astrid ließ sich zum Hormoncoach ausbilden. 2023 erschien ihr Buch „Hormonchaos. Viele Symptome – eine Ursache“. Darin verbindet sie medizinische Informationen und Erfahrungsberichte von Frauen mit ihren persönlichen Erfahrungen. Astrid möchte, dass Frauen für ihr Wohlbefinden kämpfen – und verstehen lernen, warum sie Symptome haben. Der erste Schritt ist dabei oft erstaunlich unspektakulär: sich selbst und die eigenen Beschwerden ernst nehmen. Ihr Motto bringt ziemlich genau auf den Punkt, was sie verändern möchte: „Jede einzelne Frau, die ohne Hilfe im Hormonchaos ist, ist eine zu viel.“ Denn Frauen brauchen nicht noch mehr pauschale Tipps. Nicht noch ein „Trink mehr Wasser“. Nicht noch ein „Mach Yoga“. Und bitte auch nicht noch ein „Das ist halt das Alter“. Sie brauchen Wissen, gute Diagnostik und die Möglichkeit, informierte Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen.

Ein Schneeball aus Wissen

Vielleicht ist genau das der Kern von Astrids Arbeit – und auch ihrer Plakataktionen. Sie möchte nicht, dass Frauen denselben langen Weg gehen müssen wie sie. Nicht jahrelang auf eine Erklärung warten. Nicht immer wieder hören, ihre Beschwerden seien eben Stress. Oder das Alter. Oder „normal“. Nicht irgendwann denken, dass mit dem eigenen Körper etwas grundsätzlich nicht stimmt. Stattdessen: Wissen. Fragen. Austausch. Medizinische Unterstützung. Selbstbestimmung. Astrid Müller möchte deshalb einen Schneeball aus Wissen ins Rollen bringen. Und der funktioniert erstaunlich einfach. Eine Frau sieht ein Plakat. Sie bleibt stehen. Sie kommt ins Gespräch. Sie erzählt ihrer Freundin davon. Die spricht mit ihrer Kollegin. Eine Führungskraft wird aufmerksam. Ein Unternehmen beginnt, über Wechseljahre zu sprechen. Und plötzlich ist da etwas in Bewegung. Aus einem Plakat wird ein Gespräch. Aus dem Gespräch wird Wissen. Und aus Wissen kann Veränderung entstehen. Vielleicht braucht es manchmal gar keine riesige Kampagne. Vielleicht reicht ein Plakat an der richtigen Wand. Und eine Frau, die stehen bleibt. Damit Frauen in jeder Lebensphase selbstbestimmt ihre Hormongesundheit fördern können.

ÜBER ASTRID MÜLLER

Astrid Müller ist Gesundheitswissenschaftlerin, Autorin und Hormoncoach in Berlin. Nach ihrem eigenen Weg durch einen jahrelang unerkannten Hormonmangel beschäftigt sie sich seit vielen Jahren intensiv mit Hormongesundheit, Wechseljahren und Menopause. Sie gibt Workshops, Keynotes und Vorträge und begleitet Frauen in Einzelcoachings und Hormonzirkeln. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist Hormongesundheit am Arbeitsplatz. 2023 erschien ihr Buch „Hormonchaos. Viele Symptome – eine Ursache“. Seit drei Jahren macht sie gemeinsam mit anderen Frauen mit Plakataktionen in Berlin die Wechseljahre sichtbar. Ihr Ziel: Einen Schneeball aus Wissen ins Rollen bringen – für mehr Gesundheitskompetenz und Selbstbestimmung von Frauen.

Webseite: www.astridmueller.de

Kontakt: mail@astridmueller.de

Nächste Menoplakat-Aktion in Berlin:

Samstag, 10.10.26

von 14:00 bis 16:00 Uhr in 14059 Berlin Charlottenburg

Machst du mit?

Anmeldung: mail@astridmueller.de

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