“BIN ICH IN DEN WECHSELJAHREN?”
Warum wollte ich das überhaupt wissen? Ich war damals Anfang 40, vielleicht 42 oder 43. Es war mal wieder Zeit für die jährliche Vorsorge. Ich saß bei meinem Frauenarzt im Behandlungszimmer. Und ich wollte es wissen. Es war das erste Mal, dass ich ihn diese Frage stellte. Ich dachte damals “Hey, ich gehe auf die 45 zu. Lauern da nicht die Wechseljahre schon um die Ecke?”
Mein Leben zu der Zeit war geprägt von wenig Zeit für Muße, also auch kaum Zeit für Frauenzeitschriften und schon gar keine Zeit, ein ganzes Buch zu lesen … Und so fragte ich ihn: “Bin ich in den Wechseljahren?”. Er schaute mich an und fragte: “Haben Sie Ihren Zyklus noch regelmäßig?” Und auf mein “Ja.” kam dann ein “Dann sind sie noch nicht drin.” Und damit war das Beratungsgespräch beendet. Man kann es meinem Arzt auch gar nicht verübeln. Mit Beratungsgesprächen zu den Wechseljahren kann man eine Praxis nicht wirtschaftlich betreiben. Für eine Kassenpatientin bekommt eine Ärztin für Beratungsgespräche ganze 16,89 Euro pro Quartal, egal wie häufig die Patientin kommt. Heute (2020) frage ich mich, warum er mir kein Buch empfohlen hat oder warum wir das nicht in der Schule hatten oder warum nicht ab und an in der Tagesschau darüber berichtet wird … Fußball kommt da jeden Tag, was ist mit Fashion, Beauty, Lifestyle und ja, den Wechseljahren?!
Es gibt ja mittlerweile sehr gute Bücher zu den Wechseljahren. Mein Gynäkologe hätte mir auch die Menopause Rating Scale empfehlen können. Das ist ein standardisierter Fragebogen für Frauen zur Selbsteinschätzung von Beschwerden, die mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht werden. Das ZEG – Berlin Center for Epidemiology and Health Research hat ihn entwickelt. Jede Gynäkologin könnte doch ihren Patientinnen oder zumindest denen, die es wissen wollen, diesen Fragebogen vorm Termin zum Ausfüllen geben. Dann hätte ich zumindest zum ersten Mal eine Verbindung zwischen meinem schlechten Schlaf und dem Rückgang meiner Hormone erkennen können. Und meine ab Mitte 40 auftretenden Wortfindungsstörungen hätten auch endlich eine Erklärung gehabt. So dachte ich, ich würde vielleicht eine frühe Form von Demenz haben. Mein Vater wurde leider dement und so war das ein Thema, was mich ohnehin beschäftigt hatte. Mein Vater ist inzwischen gestorben, aber mein zuweilen sehr durchlässiges Gedächtnis ist geblieben. Seine Demenz hatte damit also nichts zu tun. Heute weiß ich, dass ich damals gerne eine Gynäkologin an meiner Seite gehabt hätte, die mich in der ein oder anderen Form besser aufgeklärt hätte. Vielleicht, weil ich die Wechseljahre meiner Mutter in lebhafter Erinnerung hatte und für mich vermeiden wollte, was sie alles durchgemacht hatte. Vielleicht auch, weil mir als Ökotrophologin das Thema Gesundheit sehr am Herzen liegt. Ich wollte wissen, was ich selber tun kann, um gesund zu bleiben und um möglichst ohne Beschwerden durch die Wechseljahre zu gehen. Und dabei gibt es in meinem Umfeld auch mehrere Frauen, die davon so gar nichts wissen wollen.
WARUM WILLST DU DAS WISSEN?!
Gestern zum Beispiel traf ich eine Freundin und wir sprachen darüber und die fragte: “Aber warum sollte ich das überhaupt wissen wollen? Was ist der Mehrwert davon?”. Eine andere kommentierte in eine ähnliche Richtung: “Also, ich kann mich für dieses Thema überhaupt nicht begeistern … Es interessiert mich einfach nicht. Es gibt so hunderttausend andere Themen, mit denen ich mich lieber beschäftigen würde”. Und das ist ja auch ein zu respektierender Standpunkt. Immerhin gibt es ja auch den Effekt, dass man sich Krankheiten einbilden kann. Je mehr man über etwas Bescheid weiß, um so eher erwartet man auch, dass es bei einem selbst eintritt. Das ist so eine Art negativer Placebo Effekt, auch Nocebo-Effekt genannt. Heißt, Menschen können im Extrem aufgrund von Einbildung krank werden. Was hab ich als Frau also davon, dass ich mich mit den Wechseljahren beschäftige? Warum will ich wissen, ob ich schon drin bin?
Hier kommen meine Top 3 Gründe, warum ich das alles wissen möchte:
1. Ich möchte beschwerdefrei durch die Wechseljahre gehen. Ist das möglich? Ich weiß es nicht, aber was ich inzwischen weiß, ist, dass wir selber einiges dazu beitragen können, weniger Symptome zu bekommen. Was für unsere Gesundheit im Allgemeinen gilt, gilt auch für die Wechseljahre der Frau. Grundsätzlich kann man sagen: je gesünder wir leben, je entspannter wir sind, um so weniger Beschwerden werden wir in den Wechseljahren haben. Also runter mit dem Stress, weg mit dem Alkohol, dem Zucker und für viele auch mit dem Koffein. Alles, was uns körperlich und psychisch belastet, kann sich in den Wechseljahren verstärken. Und on top kommen dann noch ganz besondere Spezialitäten wie beispielsweise Scheidentrockenheit, also vulvovaginale Atrophie. Heißt, die Wechseljahre sind zwar keine Krankheit, aber sie haben einiges für uns in petto, was sehr belastend sein kann.
2. Wenn ich Beschwerden habe, möchte ich schneller eine Lösung finden. Ich habe von Frauen gehört, die jahrelang Beschwerden hatten, bis klar war, dass die Ursache in den Wechseljahren lag. Das berühmteste Beispiel ist die amerikanische Ikone Oprah Winfrey, die aufgrund ihrer Herzbeschwerden einen Top Kardiologen aufsuchte, der ihr aber nicht helfen konnte. Ihr Personal Trainer hat sie dann letztendlich auf die Idee gebracht, es könnten die Wechseljahre sein, die das Herzstolpern verursachten … Dr. Sheila de Liz schreibt in ihrem Buch “Woman on Fire: Alles über die fabelhaften Wechseljahre” darüber. Ein Freund von mir ist Hausarzt. Er hatte eine Patientin, die er aufgrund ihrer starken Gelenk- und Muskelschmerzen zur Kernspintomographie (oder auch MRT) geschickt hatte. Dort blieb die Frau ohne Befund. Dann sagte er mir: “Susanne, das kommt wohl von den Wechseljahren.” Und ich dachte, wenn dieser Hausarzt, der viele Frauen mittleren Alters in seiner Praxis hat, die Wechseljahre nicht auf dem Zettel hat, dann werden es andere auch nicht haben. Nur, wenn eure Hausärztin die Wechseljahre selber erlebt hat, habt ihr gute Chancen, dass sie die Symptome entsprechend einordnet. Die Ausbildung von Medizinerinnen zum Thema ist jedenfalls ausbaufähig. Denn anders als sonst, ist es schwer ein Leitsymptom ausfindig zu machen. Die Beschwerden sind oft diffus und dann landet frau schnell in der Psychoschiene.
3. Ich möchte für meine Tochter Rahmenbedingungen schaffen, in denen Wechseljahre ein selbstverständliches Thema sind. Eines über das man ganz normal spricht, und bei dem Gynäkologinnen genauso gut ausgebildet werden wie in der Geburtshilfe. Rahmenbedingungen, die sicherstellen, dass Führungskräfte ihren Mitarbeiterinnen Informationen, Verständnis und Unterstützung für diese Lebensphase an die Hand geben, so dass Frauen ihre Jobs in ihrem Tempo und zu ihren Bedingungen weiter machen können statt sich leise zurückziehen zu müssen.
Am Ende habe ich bei meinem Frauenarzt gesessen und gemerkt: Eine einfache Antwort auf die Frage „Bin ich in den Wechseljahren?“ gibt es einfach nicht, dafür ist der Körper zu individuell und der Übergang zu fließend. Aber genau dieser Moment war für mich der Startpunkt für alles, was Nobodytoldme heute ist. Denn eigentlich ist diese Frage nur der Anfang von etwas viel Größerem: Wie gehe ich gut informiert, gesund und selbstbestimmt durch die zweite Lebenshälfte? Ich habe gelernt, dass es nicht die eine Antwort gibt, sondern viele kleine Bausteine: Wissen, Austausch, die richtigen Ansprechpartner:innen, Beharrlichkeit, auch unbequeme Themen anzusprechen und Aktivismus. Wenn dich das Thema auch beschäftigt: Du bist nicht allein damit. Und du musst es nicht allein herausfinden. Fühl dich hier bei uns einfach ein bisschen wie zuhause.
